Theologie mit Kängeru

Gestern Abend ist etwas Merkwürdiges passiert. Ich sitze in meinem Ohrensessel und lese die Känguru-Chroniken. Auf einmal strahlt mir aus dem geöffneten Buch ein grelles Licht entgegen. Ich schließe die Augen und als ich sie öffne, sitze ich nicht mehr auf meinem Ohrensessel, sondern auf einem Stuhl, Marc-und dem Känguru gegenüber. Die beiden sind allerdings so sehr ins Gespräch vertieft, dass sie von mir keinerlei Notiz nehmen. Ich höre neugierig hin, worüber sie so angestrengt diskutieren. Es ist die Bibel.
Marc-Uwe ergreift das Wort: „Du meinst, man müsse die Bibel noch mal neu lesen?“, fragt er das Känguru, „als großen Schurkenroman?“
„Lies doch nur mal so Sachen wie Hosea 14,1“, antwortet das Känguru, „Samaria wird wüst werden, denn es ist seinem Gott ungehorsam. Sie sollen durchs Schwert fallen und ihre kleinen Kinder zerschmettert und ihre schwangeren Weiber aufgeschlitzt werden.“
„Ich denke, der Fall ist klar!“ sagt Marc-Uwe.
„Ja, Moment mal“, ergreife ich nun das Wort.
Die beiden schrecken auf.
„Wer bist du denn?“ fragen sie gleichzeitig.
„Viel interessanter ist, wie ich hierhergekommen bin“, entgegne ich.
„Und?“
„Ich habe keine Ahnung. Aber um auf euer Gespräch zurückzukommen, wie wäre es denn, wenn man das als eine Art Antikriegslyrik verstehen würde?“
„Hä?“
„Na ja, wie in Antikriegsfilmen halt, der Krieg wird als schlimm und schrecklich inszeniert, damit bloß keiner auf die Idee kommt, selber Krieg führen zu wollen.“
„Wie jetzt?“
„Nur, dass es hier eben Gott ist, der die Leute warnt: Wenn ihr mich weiterhin schneidet, dann endet das zwangsläufig in einer Katastrophe, denn wo ich nicht bin, geht`s meistens blutig zu.“
„Was?“
„Bis es soweit kommt, dass jemand eure Kinder am Felsen zerschmettert, denn selbst davor schreckt der Mensch in seinen schlechtesten Momenten scheinbar nicht zurück. Sich daher meiner Fürsorge anzuvertrauen, wäre allein schon aus Risikopräventionsmanagementgesichtspunkten nicht die schlechteste Idee.
Marc-Uwe und das Känguru schauen sich an.
„Sag mal, warum sitzt da dieser Typ auf dem Stuhl und quatscht uns zu?“
„Scheiß Drogen“, sagt das Känguru, „aber das haben wir gleich.“
Das Känguru holt ein Paar rote Boxhandschuhe aus dem Beutel und verpasst mir damit einen treffsicheren Hieb auf die Nase. Ich sehe noch ein paar Sterne funkeln und dann wird es auch schon Nacht. Als ich wieder zu mir komme, sitze ich wieder in meinem Ohrensessel, mit dem Buch in der Hand. Mein Blick fällt auf die beiden leeren Bierdosen. Irgendwie hab ich früher mehr vertragen.

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