Versicherungsschaden

Ich war heute im Fitnessstudio. Obwohl ich mindestens eine Stunde auf dem Crosstrainer zubringen wolle, verlässt mich bereits nach 20 Minuten alle Lust. Noch während ich absteige überkommt mich neben dem schlechten Gewissen ein dumpfes Gefühl, gerade einen großen Fehler zu begehen. Denn alle Trainingsdaten, muss man wissen, werden elektronisch erfasst. Und da Möglichkeiten immer auch Begehrlichkeiten wecken, liegt es nahe, dass die Daten direkt bei der zuständigen Krankenkasse landen.

Um daher mein Versagen auf dem Laufband zu kompensieren, lege ich mir beim Bankdrücken gleich einmal das doppelte Gewicht auf die Hantel. Die anschließende Muskelzerrung ist dann jedoch so stark, dass ich gezwungen bin, das Training vorzeitig abzubrechen. Mir ist als hätte ich den Brief der Krankenkasse bereits in der Hand: „Aufgrund Ihrer mangelnden Trainingseinstellung sehen wir uns leider gezwungen, Ihnen alle Versicherungsleistungen ersatzlos zu streichen. Bitte gehen Sie von jetzt an nicht mehr vor die Tür, das Leben ist gefährlich!“

In meinem verzweifelten Bemühen, das Unausweichliche doch noch abzuwenden, fällt mir plötzlich ein, dass die Versicherung doch gleich um die Ecke ist. Statt mich also zu duschen und umzuziehen, begebe ich mich direkt auf den Weg dorthin, um unter dem Vorwand, mich nach einer Zusatzversicherung erkundigen zu wollen, meinen schier unstillbaren Bewegungsdrang unter Beweis zu stellen. Dabei versäume ich es natürlich nicht, mir auf der Gästetoilette zuvor noch ein paar „Schweißperlen“ ins Gesicht zu tupfen.

Mein Sachbearbeiter ist glücklicherweise so freundlich, mich zu vorgerückter Stunde noch zu empfangen. Ich wäre gerade zufällig in der Nähe gewesen, erzähle ich ihm, und da wäre mir eingefallen, dass ich noch gar keine Zusatzversicherung, also sagen wir eine Zahnzusatzversicherung, abgeschlossen hätte. Weil mich der Sachbearbeiter daraufhin so komisch anblickt, füge ich gleich hinzu, dass ich eigentlich super Zähne hätte, diese viermal am Tag putzen würde und damit sogar Steine zermalmen könne, aber wie das so wäre, hätte ich lieber eine Versicherung zu viel als zu wenig. Der Sachbearbeiter nickt zustimmend und schreibt irgendetwas auf einen Zettel. Dann klingelt auf einmal das Telefon, woraufhin er mit den Worten den Raum verlässt, noch kurz etwas mit dem Kollegen klären zu müssen. Als er raus ist, kann ich es natürlich nicht lassen, den Zettel zu lesen. Darauf steht: „Trägt bei zehn Grad kurze Hose und T-Shirt. Dabei kalten Schweiß auf der Stirn. Später in Akte notieren!“ Der Mann, dessen Schritte jetzt auch schon wieder im Gang zu hören sind, hat mich also komplett missverstanden. Um ihm doch noch deutlich zu machen, dass ich mich gerade auf meiner täglichen Joggingrunde befinde, beginne ich, während er wieder seinen Platz einnimmt, mich ausgiebig zu dehnen. Mit nach oben verschränkten Armen und den Oberkörper zur Seite gestreckt, betone ich dabei, wie gut es mir tun würde, mich nach einem langen Arbeitstag abends noch einmal so richtig auszupowern. Obwohl ich natürlich auch während der Arbeit versuchen würde, mich so viel wie möglich zu bewegen, denn Sitzen wäre ja total ungesund für den Körper.

Um nochmals zu unterstreichen, wie wichtig mir die tägliche Fitness ist, jogge ich am Ende unseres Gesprächs leichtfüßig aus dem Büro, um, wohlwissend, dass er mich vom Fenster aus beobachtet, draußen gleich einmal einen Sprint hinzulegen. Dabei übersehe ich allerdings ein heranfahrendes Auto, auf das ich frontal aufknalle. „Nix passiert!“ rufe ich noch dem Sachbearbeiter am Fenster zu. Das Nächste, woran ich mich dann wieder erinnere, ist das gleichmütige Gesicht der Dame in der Notaufnahme, die mich nach meinem Versicherungsstatus fragt. „Hoffentlich überhaupt noch gültig!“ antworte ich wahrheitsgemäß. „Privat oder gesetzlich?“, fragt sie zurück. „Gesetzlich“, entgegne ich. Sie nickt und bittet mich, im Warteraum Platz zu nehmen. Ich setze mich und vertreibe mir anschließend die Zeit damit, mit einem Taschentuch mein Blut vom Boden zu wischen. Fünf Taschentücher später lässt sich dann doch noch eine Krankenschwester blicken. Sie hält Nadel und Faden in der Hand. Der Doktor wäre zwar noch beschäftigt, sagt sie, aber ich solle doch schon mal damit anfangen, mir die Platzwunde selbst zuzunähen.

Gottesdienst im Zeichen von Corona

Nach langer Zeit war ich heute endlich wieder in der Kirche. Ich mache es mir, wie immer, in der letzten Reihe bequem und lausche den Begrüßungsworten des Pastors.
„Schön, dass ihr euch nach so langer Zeit alle wieder eingefunden habt“, sagt er mit einem herzlichen Lächeln auf den Lippen. „Um diesen Gottesdienst zu ermöglichen, haben wir ein Hygienekonzept erarbeitet, welches vorsieht, dass zwischen den Sitznachbarn genau zwei Plätze und eine Sitzbank davor und dahinter leer bleiben.“
Nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: „Wir haben uns im Kirchenrat darauf geeinigt, dass genau zwei Plätze leer bleiben, daher Frau Kruse und Herr Wiechmann, bitte setzen Sie sich zu Herrn Ernst hier vorne in die dritte Reihe, aber mit Abstand! Und Sie dahinten (nach Jahren fällt es ihm immer noch schwer, sich meinen Namen zu merken), kommen Sie doch bitte auch dazu, dann ist die Reihe voll.“
„Was soll ich?“ ruft die schwerhörige Frau Kruse etwas gedämpft durch ihren Mundschutz und hält sich dabei die Hand ans Ohr.
„Nach vorne kommen, in die dritte Reihe!“, ruft der Pastor zurück.
„Ach so“, murmelt Frau Kruse und steht behäbig auf, um etwas gebückt den Platz neben dem leeren Platz neben Herrn Ernst einzunehmen. Herr Wiechmann und ich tun es ihr gleich.
Nach dem Orgelspiel schreitet der Pastor zur Kanzel. Mit leuchtenden Augen fängt er an zu predigen. Wortgewaltig zitiert er aus dem Buch Jesaja, es geht um Berufung und Identität, vor Gott und den Menschen authentisch zu sein, den Mut zur Wahrheit zu haben, ohne sich hinter den eigenen Lebenslügen verstecken zu müssen.
„Und deswegen,“ endet er, „ist es an der Zeit, unsere Masken fallen zu lassen!“
„Was sollen wir?“ flüstert Frau Kruse lautstark Herrn Ernst zu.
„Unsere Maske fallen lassen!“ wiederholt Herr Ernst die Worte des Pastors.
„Na endlich!“ ruft Frau Kruse und nimmt ihre Maske ab.
„Aber was machen Sie denn da?“ zischt Herr Ernst erschrocken, um schnell einen Platz zu Herrn Wiechmann aufzurücken.
„He, Stop!“ ruft Herr Wiechmann überrascht und will sich ebenfalls einen Platz weiter retten, aber da er bereits am Rand sitzt, plumpst er auf den Boden.
„Aua, mein Rücken!“ schreit Herr Wiechmann durch seine Maske.
Der Pastor eilt von der Kanzel, um ihm aufzuhelfen. Ich stehe ebenfalls auf, aber Herr Wiechmann brüllt: „Halt, nicht anfassen!“
Der Pastor schaut mich fragend an, ich zücke mein Handy und wähle den Notruf. Eine Dame meldet sich und ich sage ihr, dass sich hier in der Kirche jemand den Rücken verknackst hätte.
Die Dame fragt nach, wie schlimm es denn wäre und ich antworte, dass der Mann auf seinem Hosenboden sitzen würde und schon mehrmals geschrien hätte: Aua, mein Rücken!
Er könne also bereits wieder sitzen und wäre ansprechbar, resümiert die Dame, um mich nach einer kurzen Pause zu vertrösten, dass der Notdienst aktuell leider nur im absoluten Notfall ausrücken würde, um für mögliche Corona-Einsätze verfügbar zu sein.
Dann legt sie auf und ich erkläre dem Pastor, dass leider niemand kommen würde.
Schulterzuckend antwortet der Pastor mit fester Stimme: „Dann bleibt uns nur noch eins zu tun!“
Ich nicke und schließe bereits die Augen, aber anstatt des erwarteten Gebets, höre ich den Pastor nach dem Küster rufen, der, immer noch mit der Klingelbeutelstange bewaffnet, hinzueilt. Der Pastor reißt ihm diese aus der Hand und hält den Klingelbeutel Herrn Wiechmann entgegen.
„Ich soll erst bezahlen, damit sie mir helfen?“ ruft dieser empört.
„Fassen Sie an dem Rand an und ich helfe Ihnen hoch!“ fordert ihn der Pastor auf.
Herr Wiechmann versteht und der Pastor zieht ihn mithilfe der Stange auf die Beine.
„Es ist ein Wunder!“ ruft Frau Kruse glücklich.
„Nun setzen Sie doch endlich wieder Ihre Maske auf!“ schimpft Herr Ernst.
Nachdem sich alle beruhigt haben und Frau Kruse wieder ihre Maske aufgesetzt hat, setzen wir uns abermals hin, um für den Segen gleich wieder aufzustehen. Mit ausgebreiteten Armen stellt uns der Pastor unter den Schutz Gottes. Sofort im Anschluss zieht Herr Wiechmann eine Flasche Desinfektionsmittel aus der Tasche, um damit seine vom Klingelbeutelrand kontaminierten Hände einzureiben. Abschließend ertönt die Orgel, die uns wieder hinaus in die Welt geleitet.

Integration II

Gestern war ich wieder mit meinem syrischen Kumpel in der Stadt unterwegs. Auf der Höhe des Rathauses drückt uns jemand einen Flyer in die Hand.
Ich schau kurz drauf und sage zu Ali: „Werbung für die anstehenden Wahlen. Weißt du, wer gewählt wird?“
„Klar“, sagt Ali, „der Bürgermeister!“
Ich zucke zusammen.
„Alter, nicht so laut, die Leute gucken schon!“
Tatsächlich bemerken wir, dass uns die entgegenkommenden Passanten giftig anstarren.
„Was denn?“ fragt Ali.
„Nicht Bürgermeister“, flüstere ich, „es sind Frauen und Männer, die zur Wahl stehen. Das ist total beleidigend, wenn du das andere Geschlecht nicht mit einbeziehst!“
„Ach so“, sagt Ali, „dann also Bürgermeister*innen.“
Wieder schüttelt ein Passant böse den Kopf. Ich bleibe stehen und halte Ali an der Schulter fest.
„Sag mal, willst du, dass wir Ärger bekommen?“ frage ich ihn.
„Wieder falsch?“ fragt Ali zurück.
„Nicht Bürgermeister*innen, sondern „Bürger*innenmeister*innen. Du musst da wirklich aufpassen, das geht nicht, dass du einfach alle Menschen über einen Kamm scherst!“
„Das wusste ich nicht. Also Bürger*innenmeister*innen“, wiederholt Ali lernbegierig.
In dem Moment hält ein Passant wütend auf uns zu und brüllt: „Sag mal, wollt ihr, dass ich euch die Fresse poliere?“
Wir weichen ihm aus und gehen schnell weiter.
„Da hast du es“, rufe ich Ali ärgerlich zu, „wegen deiner Sprachschlamperei wäre das jetzt beinahe schief gegangen!“
„Aber ich hab doch gesagt Bürger*innenmeister*innen!“ entgegnet Ali verständnislos.
„Ja“, sage ich, „aber wie du es gesagt hast. Du musst die Pause für das Gendersternchen lassen, es heißt Bürger-Pause-innen-meister-Pause-innen. Wenn du das nicht sauber artikulierst, wirkt das total intolerant, und du hast ja gesehen, wie die Leute darauf reagieren!“
Plötzlich ist es Ali, der stehenbleibt.
„Sag mal, kann es nicht viel eher sein, dass uns die Leute wegen deines T-Shirts anmachen?“
Ich schau an mir runter und lese in dicken Buchstaben AFD = NAZIS.
„Ach du Schande, du hast Recht“, sage ich, „da habe ich heute morgen überhaupt nicht drüber nachgedacht. Das ist mir jetzt total unangenehm!“
Ali nickt und reicht mir seine Jacke, die ich mir sofort überziehe. Dann verabschiede ich mich, um den Fehler schnellstmöglich zu korrigieren. Zu Hause angekommen nehme ich einen dicken Edding zur Hand und ergänze: AFD = NAZI*INNEN

 

Integration

Heute war ich bei einem muslimischen Flüchtling zu Besuch, um ihm einen Fernseher vorbeizubringen, den ich übrig habe. Der Mann heißt Ali und ist erst vor Kurzem aus Syrien geflohen. Er begrüßt mich freudig und wir machen es uns auf der deutlich in die Jahre gekommenen Wohnzimmergarnitur bequem.
Dann fragt er mich, ob ich einen Tee wolle und fügt stolz hinzu, dass er Anistee da habe, eine syrische Spezialität, die er die ganze Reise über mit sich herumgeschleppt hätte.
Ich rümpfe die Nase und erwähne, dass ich eigentlich nur ostfriesischen Schwarztee trinken würde.
Er entschuldigt sich, dass er den leider nicht da hätte.
Dann nur Wasser, sage ich.
Er reicht mir ein Glas und gießt sich höflichkeitshalber ebenfalls Wasser ein. Dann studieren wir gemeinsam die Fernsehzeitschrift, die ich ihm gerade noch am Kiosk gekauft habe.
Er tippt auf die linke Spalte und fragt: Was ist denn das?
Two and a half men, sage ich, so eine Sitcom. In der Folge holt sich Charlie zwei Prostituierte ins Haus, während seine Mutter ihre lesbischen Gefühle entdeckt und Sex mit der Mutter der Freundin ihres anderen Sohnes Alan hat.
Ali nickt, dann tippt er etwas weiter unten und fragt: Und das?
Ah, sage ich, Das Supertalent, eine Show für die ganze Familie. Das war letztens ganz lustig, da hat sich eine Frau auf ihren blanken Hintern ein Hundegesicht gemalt und ihn dann mit Würstchen gefüttert.
Ali tippt auf die rechte Spalte. Und das?
Der Bachelor. Da soll ein Mann unter zwanzig Frauen seine Frau fürs Leben finden. Dafür knutscht er mit jeder mal herum und hat mit ein paar von ihnen Sex.
Ach so, sagt Ali, und das hier?
Bachelor in Paradise, so ähnlich wie Bachelor, nur, dass jeder mit jedem rummacht.
Und das hier?
Prince Charming, das gibts aber nur als Stream, so eine Art Bachelor mit Schwulen.
Und das hier?
Queen of drags, das geht ab Donnerstag auf Sendung, Heidi Klum castet darin Männer, die sich in sexy Frauenkleidern lasziv auf der Bühne räkeln.
Und das hier?
Naked Attraction. Da findet man seinen neuen Partner, indem man sich zuerst dessen Geschlechtsteile anschaut, und wenn man sich entschieden hat, bekommt man auch das Gesicht zu sehen.
Ali ist auf einmal ganz blass geworden.
Du, ich denke, ich brauche gar keinen Fernseher, sagt er.
Aber er würde dir helfen, dein Deutsch zu verbessern, gebe ich zu Bedenken.
Ja schon, aber ich habe hier auch so wenig Platz.
Du, ich habe ihn extra mitgeschleppt, das finde ich jetzt irgendwie unhöflich.
Ali schluckt laut. Wenn du willst, sagt er, kann ich ihn für dich zurücktragen, das macht mir nichts.
Ne, ist nicht nötig, sage ich offenkundig beleidigt. Dann schnappe ich mir den Fernseher und verlasse die Wohnung, indem ich die Wohnungstür etwas lauter als sonst ins Schloss fallen lasse.
Wenn die Integration gelingen soll, denke ich noch, wäre es schon gut, wenn die sich wenigstens so ein bisschen für die deutsche Kultur interessieren würden.

Die Tote am Strand

Tag 2 meines Urlaubs auf Malta. Als ich morgens den Frühstücksraum betrete, ist die Stimmung seltsam. Urlauber, die sich gar nicht kennen, unterhalten sich aufgeregt über die Tische hinweg. Kellner stehen herum und starren auf ihr Handy. Eine Frau nippt still an ihrem Kaffee, während ihr Tränen die Wange herunterlaufen. Da alle Tische belegt sind, setze ich mich zu einem älteren Pärchen, das mich freundlich anlächelt.
„Wissen sie, was hier los ist?“ frage ich, während mir einer der Kellner Kaffee einschenkt.
„Eine Tragödie“, antwortet der Mann, „Patricia Jolie ist scheinbar heute Nacht hier vor Malta ertrunken!“
„Die Schauspielerin?“ frage ich erstaunt zurück.
Beide nicken betroffen.
„Ich kann das gar nicht glauben“, sagt die Frau, „so schön, so talentiert und dann sowas!“
Um zu überprüfen, ob das auch wirklich wahr ist, hole ich mein Handy heraus und google ihren Namen. Tatsächlich überschlagen sich die Nachrichtenportale mit Eilmeldungen. Die Bild titelt: Die Welt trauert! Ich lese mir den Artikel durch und erfahre, dass sie ihren Geburtstag auf einer Yacht vor der Küste Maltas gefeiert habe und aus noch ungeklärten Gründen über Bord gegangen sei. Die Küstenwache habe die ganze Nacht nach ihr gesucht, aber bisher ohne Erfolg.
Ich lege das Handy wieder zur Seite und schaue hoch zu dem Ehepaar. Die Frau hat nun auch Tränen in den Augen.
„Sie müssen wissen“, sagt sie, „dass ich jeden ihrer Filme gesehen habe. Ich verstehe nicht, dass gerade ihr so etwas zustoßen konnte!“
„Ja, das ist wirklich traurig“, pflichte ich ihr leise bei.
Dann stehen die beiden abrupt auf. Sie hätten kaum Hunger und würden jetzt Spazierengehen, um den Kopf freizukriegen.
„Dann wünsche ich Ihnen trotz allem einen schönen Tag!“ verabschiede ich mich höflich und hole mir anschließend vom Buffet ein Brötchen, das ich mit einer dicken Schicht Nutella bestreiche. Da ich allerdings gleich beim ersten Bissen merke, dass auch mir dir gedrückte Stimmung auf den Magen schlägt, trinke ich nur noch einen Schluck Kaffee und begebe mich direkt zum Parkplatz, um, wie geplant, mit dem Mietwagen die Insel zu erkunden.
Als ich gerade losfahren will, stellt sich mir ein Mann hastig winkend in den Weg. Er wäre Journalist und hätte gerade einen Tipp bekommen, dem er unbedingt nachgehen müsse. Aber sein Scheißauto würde nicht starten, ob ich ihn fahren könne?
Nach kurzem Zögern willige ich ein. Auf dem Weg erklärt er mir, dass man scheinbar die Leiche der Schauspielerin Patricia Jolie gefunden hätte und er jetzt dringend zum Fundort müsse.
„Aber ist das nicht Angelegenheit der Polizei?“ frage ich ihn skeptisch.
Der Mann lächelt hämisch. Er wäre sich gar nicht sicher, ob die Polizei bereits im Bilde sei und außerdem hätte sie auch keine so hochauflösende Spiegelreflexkamera.
‚Ein Paparazzo‘, denke ich und spiele mit dem Gedanken, den Mann aus dem Auto zu schmeißen, aber überrumpelt vom Lauf der Dinge fahre ich weiter. Er lotst mich tief in den Süden zu einem abgelegenen Kiesstrand. Die Autos, die dort bereits parken, lassen uns ahnen, dass sich der Tipp bereits herumgesprochen hat.
„Mach schnell, park irgendwo!“ ruft der Paparazzo ungeduldig.
Wir steigen hastig aus dem Wagen und spurten zum Strand, wo wir uns einer Menschentraube aus weiteren Paparazzi und ein paar schaulustigen Touristen anschließen.
Wir alle folgen einem Herrn in Badehose, der die Tote scheinbar heute Morgen beim Spazierengehen gefunden hat. Bereits nach wenigen Metern sehe ich ein großes Badetuch aufgewölbt im Kies liegen. Während wir näherkommen, brechen alle Gespräche abrupt ab. Schweigend bilden wir einen Kreis um das Badetuch herum. Der Herr mit der Badehose beugt sich hinunter und greift nach dem Tuch. Als er daran zieht, geht ein Raunen durch die Runde. Im Kies liegt nicht die Leiche von Patricia Jolie, sondern die Leiche einer schwarzen Frau, die uns mit ihren angstschreienden Augen anstarrt.
Ich schaue mich um und sehe wie die Paparazzi missmutig die Kamera vom Gesicht nehmen.
„So ein Mist!“ ruft einer.
„Der ganze Weg umsonst!“ ein anderer.
Nachdem sie der Reihe nach ihrem Ärger Luft gemacht haben, hält plötzlich jemand sein Handy hoch.
„Patricia Jolie lebt!“ schreit er. „Hier steht es, die ist gar nicht über Bord gegangen, sondern die hat sich lediglich unter Deck zurückgezogen und ist dort eingeschlafen. Ihr Freund hat sie heute Morgen entdeckt!“
„Sie lebt? Aber das ist ja wunderbar!“ ruft einer der Touristen und fängt begeistert an zu klatschen.
„Dann auf zum Hafen, vielleicht wissen die dort mehr!“ schlägt jemand vor und kaum, dass er es ausgesprochen hat, hetzen alle Paparazzi wie Jagdhunde, die erneut Fährte aufgenommen haben, zu den Autos, und hinter ihnen her, laut plappernd, die Tou,risten.
Als sie alle weg sind, kehrt Stille ein. Die Wellen treiben leise und gleichmäßig an den Strand und umspülen mit ihrer Gischt die Beine der Ertrunkenen. Ich beuge mich zu ihr hinunter und versuche ihre Augenlider zu schließen. Mein Blick fällt auf das goldene Medaillon an ihrer Halskette. Ich öffne es und zum Vorschein kommt das Bild eines kleinen Babys, das vergnügt glucksend in die Kamera lächelt.

Unter Strom

Mein Fernseher ist heute morgen kaputt gegangen. Das kam so, dass ich auf Arte einen Bericht über die globale Umweltverschmutzung gesehen habe. Dabei kam mir der Gedanke, dass doch eigentlich Strom die Wurzel allen Übels ist. Dann ist mir eingefallen, dass ich doch immer noch diese Zeitmaschine besitze, die ich damals genutzt hatte, um zum Grab Jesu zu reisen (manche werden sich erinnern). Ich gehe also hinunter in den Keller und stelle sie auf das Jahr 624 vor Christus, um Thales von Milet davon abzuhalten, mit einem Tuch an einem Bernstein zu reiben, um herauszufinden, dass dadurch Elektrizität entsteht. Dort angekommen stehe ich vor seiner Tür und weiß nicht so recht, was ich tun soll. Als ich gerade klopfen will, wird sie von innen aufgerissen und eine sehr schöne Frau stürmt heraus.
„Was ist denn los?“, frage ich sie im holprigen Altgriechisch.
„Dieser Trottel hat nur Augen für seine Bücher!“, schimpft sie, während sie die obersten beiden Löcher ihrer Bluse zuknöpft.
Mir fällt ein, dass Thales von Milet vermutlich unverheiratet war, da er, so wie die meisten Philosophen, niemanden um sich haben wollte, der seine Kreise stört. Das aber könnte die Lösung sein, denke ich, eine Frau, die ihn von Höherem ablenkt, damit er bloß nicht an diesem blöden Bernstein reibt.
„Totaler Trottel!“, entgegne ich. „Komm mit, wir sagen dem jetzt mal die Meinung!“
Das freudige Nicken der Frau verrät mir, dass es ihr nicht häufig passiert, von einem Mann verstanden zu werden. Sie öffnet die Tür und begleitet mich in die Stube. Am hinteren Fenster steht ein Schreibtisch. Davor sitzt Thales von Milet, so sehr in seine Studien vertieft, dass er nichts von unserer Anwesenheit mitbekommt.
„Hallo!“, ruft die Frau energisch, „hier will dir jemand etwas sagen!“
Der Philosoph blickt auf.
„Ähm, guten Tag!“ sage ich.
Er starrt mich schweigend an.
Ich räuspere mich und setzte noch einmal an: „Hallo, ich bin Alexander!“
„Geh mir aus der Sonne!“ giftet er zurück.
„Nicht der Alexander“, sage ich, „aber jetzt mal zur Sache, die Frau hier, ich meine, schau sie dir an, wie kannst du so einen Engel von dir stoßen?“
„Hab zu tun!“, antwortet er und wendet sich wieder seinen Büchern zu.
Ich blicke zur Frau hinüber, die schon wieder dabei ist, ein Knöpfchen von ihrer Bluse zu lösen.
„Kannste vergessen“, sage ich, „mit Lust und Leidenschaft kommen wir hier nicht weiter. Was wir benötigen, sind Verstand und Logik.“
Bei dem Wort „Logik“ huscht ein Lächeln über das Gesicht des Philosophen. Ich trete an ihn heran und nehme ihm das Buch weg.
„Nun hör mal zu“, sage ich, „du bist einer der größten Köpfe deiner Zeit, du kannst doch nicht wollen, dass deine Genialität mit dir ausstirbt. Du musst dich fortpflanzen, Mann!“
An seinen geweiteten Augen erkenne ich, dass er mich verstanden hat. Eine Weile verharrt er nachdenklich an seinem Platz, dann hebt sich sein Blick zur Frau, die lasziv an ihren Haaren herumspielt.
„Dann soll es so sein“, sagt er knapp.
Ich zünde eine Kerze an und schleiche mich auf Zehenspitzen hinaus.
Wieder zu Hause angekommen, bemerke ich, dass Heizung, Fernseher und alle Lampen fehlen.
Dann hat es tatsächlich geklappt, denke ich. Indem ich seine niederen Instinkte geweckt habe, hat Thales von Milet niemals an dem Bernstein gerieben und sein Wissen darüber auch nicht der Nachwelt veerbt. Und glücklicherweise ist ohne diese entscheidende Entdeckung dann auch später niemand mehr auf die Idee gekommen, dass so etwas wie Elektrizität existieren könnte.
Wie zum Beweis fährt vor dem Fenster ein Kettcar vorbei, das von einem wild strampelnden Familienvater angetrieben wird, während die Kinder auf der Rückbank herumalbern.
Aber irgendwie ist es doch ziemlich frisch hier drinnen, so ganz ohne Heizung, denke ich und gestehe mir ein, dass die Idee, die Menschheit vor der Elektrizität zu bewahren, wohl doch nicht so gut war. Um alles wieder rückgängig zu machen, steige ich noch einmal in die Zeitmaschine und drücke die Reset-Taste, die der Erfinder zum Glück eingebaut hat. Dann horche ich gespannt, ob draußen wieder die Autos rasen, aber zu meiner Enttäuschung höre ich immer noch die angestrengt fluchenden Familienväter. Ich überlege, was schief gelaufen sein könnte und erkenne nach einer Weile den Fehler. Indem ich die Reset-Taste drücke, gelange ich wieder an den Punkt von heute morgen, an dem ich in die Zeitmaschine steige, um die Zukunft zu verändern, wodurch ich wieder an den Punkt gelange, die Reset-Taste zu drücken. Die einzige Chance wäre somit, die Reset-Taste zu drücken und gleichzeitig nach heute morgen zurückzureisen, um mit dem Besen auf den Fernseher einzuschlagen, damit ich nicht auf Arte schalten kann und auf die Idee komme, in der Zeit zurückzureisen, um zu verhindern, dass die Menschheit die Elektrizität entdeckt, kombiniere ich mit der mir verbliebenen Schärfe meines jetlaggeplagten Verstandes. Seitdem geht die Heizung zwar wieder, aber der Fernseher ist kaputt.