Das Auto

Ich habe gerade ein Auto geleast, eins von diesen Selbstfahrenden. Als es um die Leasingrate geht, klärt mich der Autoverkäufer auf, dass ich die Wahl hätte zwischen einer Monatsrate von 2.000€ oder 5.000€.

Ich sage, Airbag vorne und hinten und ein Spurhilfeassistent wären schon ganz sinnvoll.

Er entgegnet, das sei alles inklu, aber wie hoch denn sonst so mein Sicherheitsbedürfnis wäre?

Ich sage, ach, da wäre ich eigentlich nicht so ein ängstlicher Typ, und wie ginge der Spruch noch: Sterben müssen wir sowieso, schneller gehts im Cabrio!

Er meint, dann sei ja alles gut und ich könne mich beruhigt für die 2.000€ im Monat entscheiden.

Auf mein erneutes Nachhaken, wo denn jetzt genau der Unterschied liege, nippt er zunächst an seinem Kaffee, um dann seelenruhig auszuführen, dass bei 5.000€ lediglich die Softwareeinstellung etwas anders wäre. Gemäß den gesetzlichen Vorgaben wäre das Auto nämlich serienmäßig so programmiert, dass es sich, wenn es nur die Möglichkeit gebe, ein Kind zu überfahren oder gegen einen Baum zu donnern, in meinem Fall für den Baum entscheiden würde. Für 5000€, ergänzt er, könne man die Software allerdings so manipulieren, dass sich das Auto nicht für den Baum entscheidet.

Aber das wäre doch sicherlich nicht legal, rufe ich empört dazwischen, woraufhin der Autoverkäufer entschuldigend die Hand hebt und etwas von der berühmten Grauzone murmelt. Er wolle mich nicht mit Details langweilen, fügt er hinzu, aber im Grunde wäre das so eine Art Emmissionshandel, nur, dass man sich kein CO2, sondern Sicherheit erkauft, wovon letzlich dann auch die Allgemeinheit profitieren würde, da der Staat mehr Steuergelder zur Verfügung hätte, um beispielweise neue Kindergärten zu bauen.

Ich nicke und frage, ob es dann aber nicht auch für Personen wie mich, die gar nicht so ein hohes Sicherheitsbedürfnis haben, einen noch günstigeren Tarif gebe?

Der Verkäufer bejaht dies, er hätte es nur nicht erwähnt, weil sich die meisten sowieso für das teure Paket entscheiden würden, aber für 1.000€ im Monat würde das Auto zum Beispiel auch dann gegen den Baum knallen, wenn es erkennt, dass der Passant einen Armani Anzug trägt. Wobei ihm jetzt gerade einfallen würde, dass sie mittlerweile auch Verträge mit Gucci und Louis Vuitton abgeschlossen hätten, sodass er mir aktuell das Auto zu einer Spitzenrate von 500€ im Monat anbieten könne.

Ich sage, für 500€ im Monat so einen Luxusschlitten zu fahren, das wäre ja genial!

Aber ob ich denn wirklich keine Bedenken hätte, dass irgendetwas passiert, fragt der Verkäufer sicherheitshalber noch einmal nach.

Ich schüttele mit Nachdruck den Kopf und entgegne, dass es auch nicht gut sei, sich zu sehr am Leben festzuklammern, denn letztlich könne immer irgendetwas passieren.

Mit dem Auto wollte ich eigentlich meine Frau überraschen, aber als ich damit vorgefahren bin, meint sie nur, dass ihr die Farbe nicht gefallen würde und sie auch total sauer wäre, dass ich so eine wichtige Entscheidung ohne sie getroffen hätte und ich ihr lieber mal im Haushalt helfen solle, anstatt in der Gegend rumzulaufen und das gemeinsame Geld für so einen überteuerten Schwachsinn auszugeben.

Sie hat sich trotzdem auf eine Probefahrt eingelassen. Ihre Abwesenheit habe ich genutzt, um den neuen Armani-Anzug anzuprobieren. Um ihn einzutragen, stehe ich nun etwas Overdressed in der Einfahrt und warte darauf, die Gute wieder in Empfang zu nehmen.

Integration II

Gestern war ich wieder mit meinem syrischen Kumpel in der Stadt unterwegs. Auf der Höhe des Rathauses drückt uns jemand einen Flyer in die Hand.
Ich schau kurz drauf und sage zu Ali: „Werbung für die anstehenden Wahlen. Weißt du, wer gewählt wird?“
„Klar“, sagt Ali, „der Bürgermeister!“
Ich zucke zusammen.
„Alter, nicht so laut, die Leute gucken schon!“
Tatsächlich bemerken wir, dass uns die entgegenkommenden Passanten giftig anstarren.
„Was denn?“ fragt Ali.
„Nicht Bürgermeister“, flüstere ich, „es sind Frauen und Männer, die zur Wahl stehen. Das ist total beleidigend, wenn du das andere Geschlecht nicht mit einbeziehst!“
„Ach so“, sagt Ali, „dann also Bürgermeister*innen.“
Wieder schüttelt ein Passant böse den Kopf. Ich bleibe stehen und halte Ali an der Schulter fest.
„Sag mal, willst du, dass wir Ärger bekommen?“ frage ich ihn.
„Wieder falsch?“ fragt Ali zurück.
„Nicht Bürgermeister*innen, sondern „Bürger*innenmeister*innen. Du musst da wirklich aufpassen, das geht nicht, dass du einfach alle Menschen über einen Kamm scherst!“
„Das wusste ich nicht. Also Bürger*innenmeister*innen“, wiederholt Ali lernbegierig.
In dem Moment hält ein Passant wütend auf uns zu und brüllt: „Sag mal, wollt ihr, dass ich euch die Fresse poliere?“
Wir weichen ihm aus und gehen schnell weiter.
„Da hast du es“, rufe ich Ali ärgerlich zu, „wegen deiner Sprachschlamperei wäre das jetzt beinahe schief gegangen!“
„Aber ich hab doch gesagt Bürger*innenmeister*innen!“ entgegnet Ali verständnislos.
„Ja“, sage ich, „aber wie du es gesagt hast. Du musst die Pause für das Gendersternchen lassen, es heißt Bürger-Pause-innen-meister-Pause-innen. Wenn du das nicht sauber artikulierst, wirkt das total intolerant, und du hast ja gesehen, wie die Leute darauf reagieren!“
Plötzlich ist es Ali, der stehenbleibt.
„Sag mal, kann es nicht viel eher sein, dass uns die Leute wegen deines T-Shirts anmachen?“
Ich schau an mir runter und lese in dicken Buchstaben AFD = NAZIS.
„Ach du Schande, du hast Recht“, sage ich, „da habe ich heute morgen überhaupt nicht drüber nachgedacht. Das ist mir jetzt total unangenehm!“
Ali nickt und reicht mir seine Jacke, die ich mir sofort überziehe. Dann verabschiede ich mich, um den Fehler schnellstmöglich zu korrigieren. Zu Hause angekommen nehme ich einen dicken Edding zur Hand und ergänze: AFD = NAZI*INNEN

 

Integration

Heute war ich bei einem muslimischen Flüchtling zu Besuch, um ihm einen Fernseher vorbeizubringen, den ich übrig habe. Der Mann heißt Ali und ist erst vor Kurzem aus Syrien geflohen. Er begrüßt mich freudig und wir machen es uns auf der deutlich in die Jahre gekommenen Wohnzimmergarnitur bequem.
Dann fragt er mich, ob ich einen Tee wolle und fügt stolz hinzu, dass er Anistee da habe, eine syrische Spezialität, die er die ganze Reise über mit sich herumgeschleppt hätte.
Ich rümpfe die Nase und erwähne, dass ich eigentlich nur ostfriesischen Schwarztee trinken würde.
Er entschuldigt sich, dass er den leider nicht da hätte.
Dann nur Wasser, sage ich.
Er reicht mir ein Glas und gießt sich höflichkeitshalber ebenfalls Wasser ein. Dann studieren wir gemeinsam die Fernsehzeitschrift, die ich ihm gerade noch am Kiosk gekauft habe.
Er tippt auf die linke Spalte und fragt: Was ist denn das?
Two and a half men, sage ich, so eine Sitcom. In der Folge holt sich Charlie zwei Prostituierte ins Haus, während seine Mutter ihre lesbischen Gefühle entdeckt und Sex mit der Mutter der Freundin ihres anderen Sohnes Alan hat.
Ali nickt, dann tippt er etwas weiter unten und fragt: Und das?
Ah, sage ich, Das Supertalent, eine Show für die ganze Familie. Das war letztens ganz lustig, da hat sich eine Frau auf ihren blanken Hintern ein Hundegesicht gemalt und ihn dann mit Würstchen gefüttert.
Ali tippt auf die rechte Spalte. Und das?
Der Bachelor. Da soll ein Mann unter zwanzig Frauen seine Frau fürs Leben finden. Dafür knutscht er mit jeder mal herum und hat mit ein paar von ihnen Sex.
Ach so, sagt Ali, und das hier?
Bachelor in Paradise, so ähnlich wie Bachelor, nur, dass jeder mit jedem rummacht.
Und das hier?
Prince Charming, das gibts aber nur als Stream, so eine Art Bachelor mit Schwulen.
Und das hier?
Queen of drags, das geht ab Donnerstag auf Sendung, Heidi Klum castet darin Männer, die sich in sexy Frauenkleidern lasziv auf der Bühne räkeln.
Und das hier?
Naked Attraction. Da findet man seinen neuen Partner, indem man sich zuerst dessen Geschlechtsteile anschaut, und wenn man sich entschieden hat, bekommt man auch das Gesicht zu sehen.
Ali ist auf einmal ganz blass geworden.
Du, ich denke, ich brauche gar keinen Fernseher, sagt er.
Aber er würde dir helfen, dein Deutsch zu verbessern, gebe ich zu Bedenken.
Ja schon, aber ich habe hier auch so wenig Platz.
Du, ich habe ihn extra mitgeschleppt, das finde ich jetzt irgendwie unhöflich.
Ali schluckt laut. Wenn du willst, sagt er, kann ich ihn für dich zurücktragen, das macht mir nichts.
Ne, ist nicht nötig, sage ich offenkundig beleidigt. Dann schnappe ich mir den Fernseher und verlasse die Wohnung, indem ich die Wohnungstür etwas lauter als sonst ins Schloss fallen lasse.
Wenn die Integration gelingen soll, denke ich noch, wäre es schon gut, wenn die sich wenigstens so ein bisschen für die deutsche Kultur interessieren würden.

Die Tote am Strand

Tag 2 meines Urlaubs auf Malta. Als ich morgens den Frühstücksraum betrete, ist die Stimmung seltsam. Urlauber, die sich gar nicht kennen, unterhalten sich aufgeregt über die Tische hinweg. Kellner stehen herum und starren auf ihr Handy. Eine Frau nippt still an ihrem Kaffee, während ihr Tränen die Wange herunterlaufen. Da alle Tische belegt sind, setze ich mich zu einem älteren Pärchen, das mich freundlich anlächelt.
„Wissen sie, was hier los ist?“ frage ich, während mir einer der Kellner Kaffee einschenkt.
„Eine Tragödie“, antwortet der Mann, „Patricia Jolie ist scheinbar heute Nacht hier vor Malta ertrunken!“
„Die Schauspielerin?“ frage ich erstaunt zurück.
Beide nicken betroffen.
„Ich kann das gar nicht glauben“, sagt die Frau, „so schön, so talentiert und dann sowas!“
Um zu überprüfen, ob das auch wirklich wahr ist, hole ich mein Handy heraus und google ihren Namen. Tatsächlich überschlagen sich die Nachrichtenportale mit Eilmeldungen. Die Bild titelt: Die Welt trauert! Ich lese mir den Artikel durch und erfahre, dass sie ihren Geburtstag auf einer Yacht vor der Küste Maltas gefeiert habe und aus noch ungeklärten Gründen über Bord gegangen sei. Die Küstenwache habe die ganze Nacht nach ihr gesucht, aber bisher ohne Erfolg.
Ich lege das Handy wieder zur Seite und schaue hoch zu dem Ehepaar. Die Frau hat nun auch Tränen in den Augen.
„Sie müssen wissen“, sagt sie, „dass ich jeden ihrer Filme gesehen habe. Ich verstehe nicht, dass gerade ihr so etwas zustoßen konnte!“
„Ja, das ist wirklich traurig“, pflichte ich ihr leise bei.
Dann stehen die beiden abrupt auf. Sie hätten kaum Hunger und würden jetzt Spazierengehen, um den Kopf freizukriegen.
„Dann wünsche ich Ihnen trotz allem einen schönen Tag!“ verabschiede ich mich höflich und hole mir anschließend vom Buffet ein Brötchen, das ich mit einer dicken Schicht Nutella bestreiche. Da ich allerdings gleich beim ersten Bissen merke, dass auch mir dir gedrückte Stimmung auf den Magen schlägt, trinke ich nur noch einen Schluck Kaffee und begebe mich direkt zum Parkplatz, um, wie geplant, mit dem Mietwagen die Insel zu erkunden.
Als ich gerade losfahren will, stellt sich mir ein Mann hastig winkend in den Weg. Er wäre Journalist und hätte gerade einen Tipp bekommen, dem er unbedingt nachgehen müsse. Aber sein Scheißauto würde nicht starten, ob ich ihn fahren könne?
Nach kurzem Zögern willige ich ein. Auf dem Weg erklärt er mir, dass man scheinbar die Leiche der Schauspielerin Patricia Jolie gefunden hätte und er jetzt dringend zum Fundort müsse.
„Aber ist das nicht Angelegenheit der Polizei?“ frage ich ihn skeptisch.
Der Mann lächelt hämisch. Er wäre sich gar nicht sicher, ob die Polizei bereits im Bilde sei und außerdem hätte sie auch keine so hochauflösende Spiegelreflexkamera.
‚Ein Paparazzo‘, denke ich und spiele mit dem Gedanken, den Mann aus dem Auto zu schmeißen, aber überrumpelt vom Lauf der Dinge fahre ich weiter. Er lotst mich tief in den Süden zu einem abgelegenen Kiesstrand. Die Autos, die dort bereits parken, lassen uns ahnen, dass sich der Tipp bereits herumgesprochen hat.
„Mach schnell, park irgendwo!“ ruft der Paparazzo ungeduldig.
Wir steigen hastig aus dem Wagen und spurten zum Strand, wo wir uns einer Menschentraube aus weiteren Paparazzi und ein paar schaulustigen Touristen anschließen.
Wir alle folgen einem Herrn in Badehose, der die Tote scheinbar heute Morgen beim Spazierengehen gefunden hat. Bereits nach wenigen Metern sehe ich ein großes Badetuch aufgewölbt im Kies liegen. Während wir näherkommen, brechen alle Gespräche abrupt ab. Schweigend bilden wir einen Kreis um das Badetuch herum. Der Herr mit der Badehose beugt sich hinunter und greift nach dem Tuch. Als er daran zieht, geht ein Raunen durch die Runde. Im Kies liegt nicht die Leiche von Patricia Jolie, sondern die Leiche einer schwarzen Frau, die uns mit ihren angstschreienden Augen anstarrt.
Ich schaue mich um und sehe wie die Paparazzi missmutig die Kamera vom Gesicht nehmen.
„So ein Mist!“ ruft einer.
„Der ganze Weg umsonst!“ ein anderer.
Nachdem sie der Reihe nach ihrem Ärger Luft gemacht haben, hält plötzlich jemand sein Handy hoch.
„Patricia Jolie lebt!“ schreit er. „Hier steht es, die ist gar nicht über Bord gegangen, sondern die hat sich lediglich unter Deck zurückgezogen und ist dort eingeschlafen. Ihr Freund hat sie heute Morgen entdeckt!“
„Sie lebt? Aber das ist ja wunderbar!“ ruft einer der Touristen und fängt begeistert an zu klatschen.
„Dann auf zum Hafen, vielleicht wissen die dort mehr!“ schlägt jemand vor und kaum, dass er es ausgesprochen hat, hetzen alle Paparazzi wie Jagdhunde, die erneut Fährte aufgenommen haben, zu den Autos, und hinter ihnen her, laut plappernd, die Tou,risten.
Als sie alle weg sind, kehrt Stille ein. Die Wellen treiben leise und gleichmäßig an den Strand und umspülen mit ihrer Gischt die Beine der Ertrunkenen. Ich beuge mich zu ihr hinunter und versuche ihre Augenlider zu schließen. Mein Blick fällt auf das goldene Medaillon an ihrer Halskette. Ich öffne es und zum Vorschein kommt das Bild eines kleinen Babys, das vergnügt glucksend in die Kamera lächelt.

Unter Strom

Mein Fernseher ist heute morgen kaputt gegangen. Das kam so, dass ich auf Arte einen Bericht über die globale Umweltverschmutzung gesehen habe. Dabei kam mir der Gedanke, dass doch eigentlich Strom die Wurzel allen Übels ist. Dann ist mir eingefallen, dass ich doch immer noch diese Zeitmaschine besitze, die ich damals genutzt hatte, um zum Grab Jesu zu reisen (manche werden sich erinnern). Ich gehe also hinunter in den Keller und stelle sie auf das Jahr 624 vor Christus, um Thales von Milet davon abzuhalten, mit einem Tuch an einem Bernstein zu reiben, um herauszufinden, dass dadurch Elektrizität entsteht. Dort angekommen stehe ich vor seiner Tür und weiß nicht so recht, was ich tun soll. Als ich gerade klopfen will, wird sie von innen aufgerissen und eine sehr schöne Frau stürmt heraus.
„Was ist denn los?“, frage ich sie im holprigen Altgriechisch.
„Dieser Trottel hat nur Augen für seine Bücher!“, schimpft sie, während sie die obersten beiden Löcher ihrer Bluse zuknöpft.
Mir fällt ein, dass Thales von Milet vermutlich unverheiratet war, da er, so wie die meisten Philosophen, niemanden um sich haben wollte, der seine Kreise stört. Das aber könnte die Lösung sein, denke ich, eine Frau, die ihn von Höherem ablenkt, damit er bloß nicht an diesem blöden Bernstein reibt.
„Totaler Trottel!“, entgegne ich. „Komm mit, wir sagen dem jetzt mal die Meinung!“
Das freudige Nicken der Frau verrät mir, dass es ihr nicht häufig passiert, von einem Mann verstanden zu werden. Sie öffnet die Tür und begleitet mich in die Stube. Am hinteren Fenster steht ein Schreibtisch. Davor sitzt Thales von Milet, so sehr in seine Studien vertieft, dass er nichts von unserer Anwesenheit mitbekommt.
„Hallo!“, ruft die Frau energisch, „hier will dir jemand etwas sagen!“
Der Philosoph blickt auf.
„Ähm, guten Tag!“ sage ich.
Er starrt mich schweigend an.
Ich räuspere mich und setzte noch einmal an: „Hallo, ich bin Alexander!“
„Geh mir aus der Sonne!“ giftet er zurück.
„Nicht der Alexander“, sage ich, „aber jetzt mal zur Sache, die Frau hier, ich meine, schau sie dir an, wie kannst du so einen Engel von dir stoßen?“
„Hab zu tun!“, antwortet er und wendet sich wieder seinen Büchern zu.
Ich blicke zur Frau hinüber, die schon wieder dabei ist, ein Knöpfchen von ihrer Bluse zu lösen.
„Kannste vergessen“, sage ich, „mit Lust und Leidenschaft kommen wir hier nicht weiter. Was wir benötigen, sind Verstand und Logik.“
Bei dem Wort „Logik“ huscht ein Lächeln über das Gesicht des Philosophen. Ich trete an ihn heran und nehme ihm das Buch weg.
„Nun hör mal zu“, sage ich, „du bist einer der größten Köpfe deiner Zeit, du kannst doch nicht wollen, dass deine Genialität mit dir ausstirbt. Du musst dich fortpflanzen, Mann!“
An seinen geweiteten Augen erkenne ich, dass er mich verstanden hat. Eine Weile verharrt er nachdenklich an seinem Platz, dann hebt sich sein Blick zur Frau, die lasziv an ihren Haaren herumspielt.
„Dann soll es so sein“, sagt er knapp.
Ich zünde eine Kerze an und schleiche mich auf Zehenspitzen hinaus.
Wieder zu Hause angekommen, bemerke ich, dass Heizung, Fernseher und alle Lampen fehlen.
Dann hat es tatsächlich geklappt, denke ich. Indem ich seine niederen Instinkte geweckt habe, hat Thales von Milet niemals an dem Bernstein gerieben und sein Wissen darüber auch nicht der Nachwelt veerbt. Und glücklicherweise ist ohne diese entscheidende Entdeckung dann auch später niemand mehr auf die Idee gekommen, dass so etwas wie Elektrizität existieren könnte.
Wie zum Beweis fährt vor dem Fenster ein Kettcar vorbei, das von einem wild strampelnden Familienvater angetrieben wird, während die Kinder auf der Rückbank herumalbern.
Aber irgendwie ist es doch ziemlich frisch hier drinnen, so ganz ohne Heizung, denke ich und gestehe mir ein, dass die Idee, die Menschheit vor der Elektrizität zu bewahren, wohl doch nicht so gut war. Um alles wieder rückgängig zu machen, steige ich noch einmal in die Zeitmaschine und drücke die Reset-Taste, die der Erfinder zum Glück eingebaut hat. Dann horche ich gespannt, ob draußen wieder die Autos rasen, aber zu meiner Enttäuschung höre ich immer noch die angestrengt fluchenden Familienväter. Ich überlege, was schief gelaufen sein könnte und erkenne nach einer Weile den Fehler. Indem ich die Reset-Taste drücke, gelange ich wieder an den Punkt von heute morgen, an dem ich in die Zeitmaschine steige, um die Zukunft zu verändern, wodurch ich wieder an den Punkt gelange, die Reset-Taste zu drücken. Die einzige Chance wäre somit, die Reset-Taste zu drücken und gleichzeitig nach heute morgen zurückzureisen, um mit dem Besen auf den Fernseher einzuschlagen, damit ich nicht auf Arte schalten kann und auf die Idee komme, in der Zeit zurückzureisen, um zu verhindern, dass die Menschheit die Elektrizität entdeckt, kombiniere ich mit der mir verbliebenen Schärfe meines jetlaggeplagten Verstandes. Seitdem geht die Heizung zwar wieder, aber der Fernseher ist kaputt.

Klimawandel

Gestern ist mir ein Mann im Traum erschienen.
Ich rufe: Jesus?
Er sagt: Ne, Sokrates, aber auch Bartträger.
Ich sage: Schade.
Er ignoriert dies und sagt: Hör mal, ich habe gehört, du wetterst gegen die Klimaökos?
Ich frage: Klimaökos? Wo hast du das denn her?
Er sagt: Twitter.
Ich sage: Dann hast du sicherlich auch was von dieser Debatte mitbekommen, von wegen, Kinderkriegen ist schlecht für die Umwelt.
Er sagt: Wenn du ernsthaft diskutieren willst, dann darfst du nicht auf den dümmsten Gegner zeigen, sondern du musst dich mit den Klügsten messen – und dich so lange mit Argumenten befeuern lassen, bis du entweder untergehst oder Schwimmen lernst.
Dann wird er auf einmal vor meinen Augen von Logikwölkchen aufgehoben und ist verschwunden.
Am nächsten Tag ziehe ich los und kaufe mir ein dickes Fachbuch mit dem Titel: „Erderwärmung – warum es noch nicht zu spät ist“. Damit mache ich es mir vor dem Kamin gemütlich und fange an zu lesen. Doch schon nach wenigen Seiten werden mir die Augen schwer. Ich nehme mein Handy zur Hand, um zu googeln, was ein thermisch radiatives Gleichgewicht ist, schau mir aber dann doch das vorgeschlagene Video an, in dem ein Affe auf einem Einrad das Gleichgewicht verliert und mit vollem Schwung in die Themse brettert. Anschließend google ich den Buchtitel, um mir bei Amazon die Kundenmeinungen durchzulesen. Einer schreibt: „Dieser Klimaasthmatiker soll mal tief Luft holen. Hab das Buch zwar nicht gelesen, aber die Argumente sind voll der Schwachsinn!“
Ich beschließe, dass ich das Buch, wenn es sowieso keine guten Argumente enthält, ja dann auch nicht weiterlesen muss und schmeiße es enttäuscht in den Kamin, damit ich für das Geld wenigstens etwas Wärme zurückbekomme.
Keine 5 Minuten später klingelt mein Nachbar an der Tür.
Er fragt, was ich denn schon wieder verbrennen würde?
Ich frage zurück, warum er denn zu so später Stunde noch den Häcksler anwerfen müsse?
Er sagt, ihm wäre ein Mann im Traum erschienen. Sophokles oder so ähnlich. Der hätte ihm gesagt, er solle nicht immer nur über die Klimaleugner schimpfen, sondern sich erst einmal mit ihren Positionen beschäftigen. Daraufhin hätte er sich ein Buch gekauft, aber weil er nicht so richtig reingekommen wäre und auch auf Amazon gestanden hätte, dass es sich nicht zu lesen lohnt, hätte er beschlossen, es zu häckseln und unter den Biodünger zu rühren.
Ich sage ihm, dass Biodünger aber auch nicht ganz ohne wäre. Gerade erst hätte ich auf Facebook gelesen, dass jährlich mehrere Millionen Menschen an verdorbenem Gemüse sterben.
Ach ja? entgegnet er, und er hätte gehört, dass Kamine die Luft so stark verpesten, dass Vögel bereits im Vorüberfliegen daran ersticken!
Was für ein Idiot! denke ich, der glaubt auch alles, was man ihm erzählt.

Tagesthemen

Gestern Abend sehe ich die Tagesthemen. Im ersten Beitrag wird von einem Mann in Bangladesch berichtet, der an Krebs leidet, weil er jahrelang für einen Kleiderhersteller Wäsche mit der bloßen Hand eingefärbt hat. Da er nicht versichert ist und das Textilunternehmen sich weigert, die Behandlungskosten zu übernehmen, da sich nicht mit Sicherheit nachweisen ließe, dass die eingesetzten Chemikalien den Krebs ausgelöst hätten, wird ihm vermutlich nichts anderes übrig bleiben als in seiner kleinen Ein-Zimmer-Wohnung, in der er mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern lebt, auf den Tod zu warten.

Es folgt ein Porträt über Jakob, der seit 20 Jahren obdachlos ist und von seinem Leben auf der Straße berichtet. Nachts sei das besonders gefährlich, sagt er. Den Schlafsack würde er nie ganz zumachen, um bei Gefahr schnell auf die Beine zu kommen. Aber das Schlimmste, sagt er, das Schlimmste seien die Blicke der Leute. Blicke, die ihn flüchtig treffen und sich schnell wieder abwenden als sei er Luft oder Müll, den jemand vergessen hätte, abzuholen.

Im dritten Beitrag ist ein Künstler namens Christo jr. zu sehen, der vorhat, die Jesus-Statue in Rio komplett zu verhüllen, um damit auf eine Gesellschaft mit abnehmender Betriebstemperatur aufmerksam zu machen, in der Empathie und Anteilnahme scheinbar nur noch als Emoticons auf WhatsApp vorhanden sind. Es gebe zu viele Iche und zu wenig Du`s, sagt er, als hätte er gerade Buber gelesen.

Als Ingo Zamperoni wieder zu sehen ist und ich gerade umschalten will, da auf RTL der Spätfilm anfängt, passiert etwas Unerwartetes. Der Sprecher öffnet seine Lippen, ist aber nicht zu hören und auf einmal vernehme ich eine andere Stimme, die mir durch Mark und Bein geht: Alexander, du bist Schuld! Ich denke, ich hätte mich verhört und stelle den Ton lauter, aber so als sei nichts gewesen, ist in dem Moment Ingo Zamperoni schon wieder dabei, den nächsten Beitrag anzumoderieren.
Weil mir auf einmal ganz komisch ist, rufe ich meine Psychologin an.

Ich sage: Hallo, ich bin`s.
Sie sagt: Sie schon wieder?
Ich sage: Ich glaube, ich bin verrückt geworden.
Sie sagt: Schon wieder?
Ich sage: Diesmal wirklich, ich höre Stimmen, die aber gar nicht da sind.
Sie sagt: Dann sind Sie scheinbar tatsächlich verrückt geworden.
Ich sage: Und nu?
Sie sagt: Sprechstunde wieder Dienstag ab 8:00Uhr.
Dann legt sie auf.

Da ich mich nicht viel besser fühle, rufe ich einen Freund an.
Ich sage: Der Fernseher redet zu mir.
Er sagt: Das ist ja verrückt.
Ich sage: Er kennt meinen Namen!
Er sagt: Krass, wie bei The Game.
Ich frage: Was?
Er sagt: The Game. Der Film mit Michael Douglas. Da spricht der Fernseher auch mit ihm und auf einmal findet er sich in einem Spiel wieder, in dem alles extra für ihn inszeniert ist.
Ich frage: Und warum?
Er sagt: Weiß ich auch nicht mehr so genau, irgendwie wegen seinem Geburtstag, oder so.
Ich sage: OK.
Er sagt: Dann bis morgen.
Dann legt er auf.

Um der Sache nachzugehen, rufe ich meinen Pastor an.
Ich sage: Hallo.
Er sagt: Du schon wieder?
Ich frage: Könnte es sein, dass das ganze Leben nur ein Spiel ist?
Er fragt zurück: Was sagt dir der Ausdruck Zimzum?
Ich sage: Nicht viel, klingt irgendwie nach einer dicken Stubenfliege.
Er sagt, dann wäre meine Aufgabe, das herauszufinden. Dann hätte ich was zu tun. Er nämlich auch. Er müsse noch vier Hochzeiten und einen Todesfall vorbereiten.
Dann legt er auf.

Im Lexikon schlage ich Zimzum nach und lese, dass der Begriff aus der Kabbala stammt und so viel bedeutet wie „Gottes Anwesenheit in seiner Abwesenheit“. Der Artikel handelt davon, wie Gott zu uns redet. Würde ein weiser alter Mann seine gebündelte Lebensweisheit an ein Kind weitergeben wollen, steht da, dann genügt es nicht, das Kind einfach darüber zu belehren, so wie man ihm Mathe beibringt. Denn wie sollte ein Kind etwas von dem verstehen, wofür man selbst viele Täler durchschritten und viele Gipfel erklommen hat und was dann unter Tränen der Freude und Trauer irgendwann zur inneren Reife gekommen ist? Stattdessen würde dem Alten nichts weiter übrigbleiben als sich selbst aus der Gleichung herauszunehmen und das, was er dem Kind zu sagen hat, mithilfe von Geschichten zu erzählen, die dem Kind vertraut sind. Denkt das Kind nun über diese Geschichten nach und erkennt es darin die Weisheit des Alten, dann ist dieser anwesend, obwohl er abwesend ist.

Ich blicke auf und plötzlich wird mir klar, was mir der Pastor sagen wollte. Das ganze Leben ist ein tiefes und reiches Gleichnis, durch das Gott selbst zu uns spricht. Oder vielleicht auch tatsächlich eine Art Spiel, vielleicht ein Kartenspiel und wer es ernst nimmt, der erkennt auf dem eigenen Blatt die Handschrift des Spielmachers. Und dann ist halt die Frage, was für ein Blatt ich benötige und welche meiner Karten mein Gegenüber benötigt, damit das Spiel Sinn macht.

Ich bin also Schuld, denke ich mir, und obwohl das niemand gerne hört, freue ich mich darüber, denn wer schuldig gesprochen wird, der besitzt immerhin die Würde der Verantwortung.

Während ich noch „Das ganze Leben ist ein Quiz“ vor mich hinsumme, neigen sich die Tagesthemen dem Ende. Ganz zum Schluss kommt noch einmal Ingo Zamperoni zu Wort. Er sei gerade darauf hingewiesen worden, dass zwischenzeitig die Regie zu hören gewesen wäre und bitte diese Panne zu entschuldigen.