Avengers Endgame: Der Ork

Noch vor Sonnenaufgang war ich heute morgen bereits auf dem Flohmarkt am Schloss. Im Dämmerlicht schlendere ich durch die Reihen und durchsuche die Tische nach Raritäten, die man dort nur morgens findet, wenn die meisten Besucher noch im Bett liegen und die Aussteller mit einem Kaffee in der Hand ihre Ware platzieren. Am Ende der dritten Reihe fällt mein Blick auf einen Tisch, der mit allerlei Requisiten und Kostümen aus bekannten Hollywoodfilmen beladen ist. Ich halte an und will nach einem goldenen Fingerring greifen, doch bevor ich ihn überhaupt berühre, höre ich jemanden zischen: „Mein Schatz!“
Etwas irritiert schaue ich hoch zu dem Händler, der mit seinem langen grauen Bart und dem Schlapphut auf dem Kopf selbst aussieht als wäre er aus einem Film entflohen.
„Wie bitte?“ frage ich ihn.
„Das ist einer meiner ganz besonderen Schätze!“, sagt er, „aber du kannst ihn haben, für nur fünf Euro ist es deiner!“
„Fünf Euro für eine billige Kopie?“, empöre ich mich in typischer Flohmarktmanier.
„Das ist keine Kopie, der ich echt“, antwortet der Händler gelassen, „hier ist alles echt!“ Er legt eine kurze Atempause ein. Dann schaut er mir tief in die Augen und fügt leise hinzu, als ob es sonst niemand mitbekommen soll: „Aber du siehst eh so aus, als würdest du dich für etwas ganz Anderes interessieren!“
Er kramt in einer Kiste und zeigt mir eine sehr alte und schon leicht vergilbte Kinokarte mit handgemalten Zeichnungen darauf.
„Das, mein lieber Freund“, erklärt er mir in einem beinahe ehrfürchtigen Ton, „ist eine magische Eintrittskarte. Du erinnerst dich an den Film „Last Action Hero“ mit Arnold Schwarzenegger und dem kleinen Jungen, der mithilfe einer magischen Eintrittskarte in die Filmrealität seines Lieblingsfilms hineingelangt? Nun, das hier ist dieselbe Karte.“ „Und“, fügt er scharf hinzu, „sie funktioniert!“
„So ein Quatsch“, sage ich, „aber die Zeichnungen darauf sind wirklich schön, für nen Euro kaufe ich sie.
„Vier Euro“, entgegnet der Händler.
„Zwei“, sage ich.
„Drei“, sagt der Händler.
Wir einigen uns auf 2,50 Euro, dann schlendere ich weiter und mache mich wenig später mit der Eintrittskarte in der Hosentasche und einer antiken Tischleuchte im Rucksack auf den Weg nach Mac Donalds, um erst einmal ausgiebig zu frühstücken. Als ich anschließend am städtischen Kino vorbeikomme, werfe ich einen kurzen Blick auf das aktuelle Filmprogramm. In großen Buchstaben lese ich: „Jeden Samstag um Punkt 12: Das Siesta-Special. Heute mit Avengers Endgame!“ Ich schaue auf die Uhr, es ist fünf vor Zwölf. Da ich sonst nichts zu tun habe, kaufe ich kurzentschlossen ein Ticket sowie Popcorn und Cola. Im fast leeren Kinosaal fläze ich mich dann in die hinterste Reihe, um mich ein weiteres Mal von dem ewig währenden Kampf zwischen Gut und Böse verzaubern zu lassen. Als der Film schon fast zwei Stunden läuft und der Oberschurke Thanos gerade dabei ist, letzte Vorbereitungen für die Auslöschung allen Lebens im Universum zu treffen, wird mir auf einmal ganz warm am Hintern. Ich ziehe die Kinokarte aus der Gesäßtasche und stelle erstaunt fest, dass sie hell leuchtet. Als ich genauer hinsehe, scheinen sich die Figuren darauf zu bewegen und größer zu werden. Alles dreht sich auf einmal. Ich spüre einen starken Sog, der bissig an meinem Gesicht zieht und ehe ich mich versehe, werde ich von der Karte aufgesogen, hinein in einen dunklen Tunnel, in dem unzählige Filmszenen wie Sterne an mir vorüberziehen, bis am Ende des Tunnels alles wieder zum Stehen kommt und ich mich zu meiner großen Überraschung auf einem gigantischen Schlachtfeld wiederfinde. Noch bevor ich auch nur einen klaren Gedanken fassen kann, bäumt sich vor mir wie aus dem Nichts ein extrem hässlicher Ork mit faulen Zähnen auf, der im nächsten Moment von einem fliegenden Hammer getroffen wird und mit voller Wucht gegen einen Felsen knallt. Wie ich ihn dort liegen sehe, schwer getroffen und mit schmerzverzerrtem Gesicht, fasse ich mir ein Herz und stolpere halb auf Knien zu ihm hinüber. Der Ork sieht völlig entstellt aus, fast noch schlimmer als vor der Hammerattacke. Mit blutunterlaufenen Augen schaut er mich ängstlich an und wimmert mit Blick auf die Colaflasche, die ich immer noch in der Hand halte: „Durst, ich habe schrecklichen Durst!“
Vorsichtig hebe ich seinen Kopf an, damit er trinken kann. Er nimmt einen Schluck, dann schaut er mich dankbar an und fragt: „Warum tust du das?“
„Keine Ahnung“, sage ich, „vermutlich, weil ich so erzogen wurde. Aber ehrlich gesagt hätte ich auch nicht gedacht, dass du das zu schätzen weißt, schließlich bist du ein Ork!“
Der Ork blinzelt. „Und ein Ork, was auch immer das sein soll, hat nicht den Anstand, dankbar zu sein, wenn ihm Hilfe widerfährt?“
„Wie du redest!“, sage ich verwundert. „Wenn ihm Hilfe widerfährt – ich hätte nicht gedacht, dass sich ein Ork so wortgewandt ausdrücken kann.“
„Du scheinst uns ja gut zu kennen“, sagt der Ork, „aber ich will dir was sagen, ich war sogar auf der Schule, Klassenbester, mit Aussicht auf ein Stipendium fürs Medizinstudium. Bis dann Thanos gekommen ist und uns alle versklavt hat.“
„Das ist furchtbar!“ antwortete ich ehrlich gerührt und füge etwas verwundert hinzu: „Aber wäre das überhaupt gegangen, mit diesen Pranken Arzt zu werden? Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie man damit ein Skalpell oder auch nur einen Stift halten kann.“
„Wir sahen nicht immer so aus“, antwortet der Ork keuchend, „Thanos hat uns gezwungen, Tabletten zu schlucken, Hormone. Die haben uns stark und aggressiv gemacht – und hässlich!“
Sein Blick senkt sich zu Boden und Tränen laufen über seine Wange.
„Die Tabletten sind mir vor ein paar Tagen aus der Tasche gefallen, seitdem fühle ich mich schwach und traurig und vermisse meine Eltern!“
Ich überlege, nachzufragen, was mit seinen Eltern passiert ist, aber da ich die Antwort bereits ahne, erspare ich ihm das.
„Na, das wird schon wieder!“, versuche ich ihn stattdessen zu beruhigen, „ich bin mir sicher, wenn die Schlacht erst einmal vorbei ist, wird alles gut werden!“
„Wird alles gut werden?“, wiederholt der Ork spöttisch, „Was soll denn gut werden? Wenn Thanos gewinnt, wird er mit dem Finger schnippen und ihr werdet alle zu Staub zerfallen. Und solltet ihr gewinnen, dann werdet ihr nicht davor zurückschrecken, und dasselbe anzutun!“
Mit Schrecken erinnere ich mich an den Handschuh mit den mächtigen Infinity-Steinen. Wer ihn anzieht, kann alle seine Feinde einfach nur dadurch vernichten, dass er mit dem Finger schnippt.
Um in Erfahrung zu bringen, wie es um die Schlacht bestellt ist, schaue ich vorsichtig über den Felsen. Es wird kaum noch gekämpft, dafür liegen unzählige Leichen von Orks und noch hässlicheren Wesen auf dem Schlachtfeld herum. Der Sieg der Avengers scheint zum Greifen nahe. Dann entdecke ich plötzlich Thanos und vor ihm, auf dem Boden kniend, Iron Man. Thanos steht das blanke Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Er starrt auf irgendetwas, das an Iron Mans metallener Hand funkelt. Es sind die Infinity-Steine. Ich höre mich selber laut schreien: „Nicht, das ist Genozid!“ aber mein Schreien verhallt ungehört in der Luft. Iron Man schnippt mit dem Finger und im nächsten Moment wankt Thanos zu Boden, während er langsam zu Staub zerfällt.
„Er hat es getan!“ rufe ich schockiert und beuge mich herab zum Ork. Auch von ihm löst sich bereits der Staub. Von seinen Beinen und dem Unterkörper ist schon nichts mehr zu sehen. Mit letzter Kraft hechelt er: „Dann hat scheinbar das Gute wieder gewonnen!“ Und noch während er redet, erfasst ein Windstoß seinen Kopf und trägt die Asche davon, als wäre er nie gewesen.
Dann wird mir auf einmal wieder ganz warm am Hintern und ehe ich mich versehe, sitze ich pünktlich zum Abspann wieder im Kinosessel. Auf der Leinwand sind ein letztes Mal die Avengers zu sehen, die großen Helden, die es wieder einmal geschafft haben, die Welt zu retten.

Erdnussflips

Lange Zeit bin ich ohne ausgekommen, aber gestern Abend war es wieder so weit. Nach einem langen und sehr anstrengenden Arbeitstag liege ich erschöpft auf der Couch und spüre eine unbändiges Verlangen nach einer Tüte Erdnussflips. Ich versuche mich noch abzulenken, an etwas anderes zu denken, Diabetes oder Bluthochdruck, aber es hilft nichts, 5 Minuten später sitze ich bereits auf meinem Fahrrad und radele Richtung Tankstelle. Als ich dann vor dem Regal mit den Snacks stehe, überkommen mich Zweifel:
Darf ich mir ein Produkt kaufen, das nachgewiesenermaßen zu gesundheitlichen Problemen führt und vielleicht sogar zur Folge hat, dass ich auf kurz oder lang nicht mehr die Leistung abrufen kann, die meine gesellschaftliche Position von mir fordert? Und dann auch noch ausgerechnet aus Maismehl hergestellt wird, für das Millionen von Hektar kostbarer Waldfläche gerodet werden. Und dazu tierische Fette enthält, wobei jeder weiß, unter was für katastrophalen Umständen Tiere in der modernen Massentierhaltung gehalten werden. Und Erdnüsse, die aus fernen Ländern importiert werden, auf Schiffen, die Wasser und Luft verpesten. Und mit Plastik verpackt ist, das die Umwelt vergiftet und dazu noch klimaschädlich bedruckt ist. Und nur 88 Cent kostet, wovon nur ein Bruchteil bei den Erntehelfern vor Ort ankommt. Und darf ich überhaupt irgendetwas kaufen, worauf eine 88 abgedruckt ist? Und könnte ich meine Zeit nicht sinnvoller verbringen, als faul auf der Couch eine Tüte Erdnussflips in mich hineinzuschaufeln?
Obwohl mir so viele Fragen durch den Kopf gehen, die auf ein sofortiges Ende dieser Leichtsinnstat pochen, siegt am Ende das Verlangen. Ich schüttle kurz mit dem Kopf, um alle Gedanken zu vertreiben, dann setze ich mir Mütze und Sonnenbrille auf, die ich zur Wahrung meiner Anonymität eigentlich immer dabei habe und greife hastig nach der Tüte. Auf der Rückseite lese ich: Kontrollierte Markenqualität und beste Zutaten! Zwar habe ich keine Ahnung, was das bedeutet, aber es beruhigt mich irgendwie.
Als ich gerade bezahlen will, stellt sich hinter mir ein etwas ranzig aussehender Typ mit einer Porno-Zeitschrift in der Hand an. Als er seinerseits entdeckt, was ich in meinen leicht zitternden Händen halte, wirft er mir einen verächtlichen Blick zu.
„Nur die hier“, flüstere ich der Kassiererin zu, während ich mit gesenktem Kopf die Erdnussflipstüte auf den Tresen lege. Ihren Ekel überspielt sie mit einem routinierten Lächeln.
„Wir hätten auch noch die Jumbotüte im Angebot!“ sagt sie so laut, dass alle Umstehenden es hören können.
Ich blicke nervös über die Schulter und hauche: „Nein, nur die!“
Dann lasse ich die Packung im Rucksack verschwinden und eile zum Ausgang.
An der Tür ruft jemand: „Ach, das ist ja ein Zufall, was machst du denn hier?“
Ich schaue vom Boden auf in das freudig lächelnde Gesicht eines Bekannten und höre mich selbst stottern: „Ach, d-du, nichts, schön d-dich zu sehen, d-du, ich muss weiter!“
Ohne stehen zu bleiben, drängele ich man ihn vorbei, hinaus in die erlösende Dunkelheit.
Zu Hause angekommen, atme ich erst einmal tief durch. Dann lasse ich die Rollos herunter und mache es mir mit der Tüte auf der Couch bequem. Lustvoll stecke ich mir einen Flips nach dem anderen in den Mund, bis die Tüte leer ist. Mit der Leere kommt das schlechte Gewissen. ‚Ich muss das echt in den Griff bekommen!‘, denke ich und nehme mir fest vor, mir nie wieder Erdnussflips zu kaufen. Aber diesmal wirklich!

Aus dem Kochbuch: Original syrische Kibbeh

475 g Bulgur
3 Schalotten
1 EL Rapsöl
400 g Hackfleisch vom Lamm
3 EL Rosinen
1/2 TL Kreuzkümmel (Cumin)
1/2 TL Zimt
2 Prise Salz
1 Prise Pfeffer
1/2 TL Paprikapulver, edelsüß

Für original-syrische Kibbeh freundest du dich vor der Zubereitung mit einem Syrer aus deinem Fußballverein an. Den lädst du telefonisch zu einem gemeinsamen Kochen ein. Du bittest ihn, die Zutaten mitzubringen, denn er wüsste ja am Besten, was in original-syrische Kibbeh hineingehöre. Damit er sich bei dir wohlfühlt, suchst du bei Spotify nach syrischer Musik. Du findest sehr traditionelle Folklore und regelst die Lautstärke herunter, um die Nachbarn nicht zu stören. Du suchst weiter und landest schließlich bei Yusuf Islam alias Cat Stevens. Am Ende von „Wild World“ klingelt es. Da du die Anlage jedoch voll aufgedreht hast, damit die Nachbarn nicht hören, dass du lauthals mitsingst, nimmst du die Klingel erst am Ende von „Morning has Broken“ wahr. Du öffnest die Tür und begrüßt deinen syrischen Freund Ali, der mit einer großen Einkaufstüte in der Hand und einem leicht genervten Blick die Wohnung betritt. Am Küchentisch leert ihr gemeinsam die Einkaufstüte.
Du sagst anerkennend: „Das sieht alles total lecker aus, Ali!“
Ali antwortet: „Dann bekommst du endlich mal was Vernünftiges zu essen!“
Den Kommentar findest du etwas unhöflich, da Ali genau weiß, dass du ein passionierter Hobbykoch bist, der gerade an einem eigenen Kochbuch arbeitet. Trotzdem gönnst du ihm seine Freude. Vermutlich wärst du nicht weniger stolz, wenn du syrischen Freunden in Damaskus zeigen würdest, wie man Kartoffelbrei mit Sauerkraut und Nürnbergern zubereitet.
Bevor du mit der Zubereitung beginnst, wäscht du dir an der Spüle die Hände. Du lässt den Wasserhahn laufen und überreichst Ali wortlos das Handtuch zum Hände abtrocknen.
„Das Lamm habe ich gerade vom Metzger, hat der frisch für mich klein gemacht“, sagt Ali .
Du stutzt für einen Moment.
Du sagst: „Kibbeh wird mit Lamm gekocht? Ich dachte da kommt Rind rein?“
„Nein, Lamm, das gibt dem Ganzen erst die richtige Note!“ klärt dich Ali auf.
Du sagst: „Ja, eine ziemlich strenge, aber wenn du meinst, dann machen wir das so!“
Zögerlich nimmst du das Hackfleisch aus der Verpackung. Du riechst daran und fragst Ali: „Sag mal, sei mir nicht böse, aber ich habe noch Rinderhack eingefroren, können wir nicht das nehmen?“
Ali schaut dich irritiert an. Er betont, dass traditionell-syrische Kibbeh auf jeden Fall mit Lamm zubereitet werden, aber, wenn du das partout nicht mögen würdest, könne man notfalls auch Rind nehmen.
„Prima“, sagst du und holst eine Packung Rinderhack aus dem Gefrierschrank, das du in er Mikrowelle auftaust. Dabei erklärst du Ali, dass die Mikrowelle zum Auftauen von Fleisch eigentlich völlig ungeeignet sei und in einem seriösen Kochbuch nichts verloren habe, aber da er ja Lamm statt Rind gekauft hätte, müsse es jetzt schnell gehen.
Ali nutzt die Wartezeit, um die Toilette aufzusuchen. Du nutzt Alis Abwesenheit, um die Schalotten, anzuschwitzen, die du, bevor du sie ins heiße Öl gibst, gegen Zwiebeln austauschst, da diese deiner Meinung nach besser mit dem Rinderhack harmonieren. Du öffnest das Fenster, damit der Zwiebelgeruch entweichen kann.
Ali kommt von der Toilette wieder und beschwert sich, dass du die Schalotten zu grob geschnitten hast. Die müssten viel feiner sein, damit die Bällchen später besser zusammenhalten. Du erwiderst, dass es schon schmecken werde und fragst ihn, wie es denn jetzt weitergehe. Ali weist dich an, das Hackfleisch anzubraten und, wenn es gut durchgebraten ist, die Rosinen hinzuzugeben.
Du sagt: „Oh!“
Ali sagt: „Was?“
Du sagst, dass Rosinen für dich nicht in eine Hauptmahlzeit hinein gehören und dass du den süßen Geschmack nicht mögen würdest.
Ali sagt, dass du es doch wenigstens mal ausprobieren könntest, vielleicht schmeckt es dir ja doch.
Du sagst, vielleicht ja, aber wahrscheinlich nicht, doch das wäre kein Problem, schließlich hättest du noch Brot im Haus, das du notfalls essen könntest.
Ali sagt: „Gut, dann können wir sie auch weglassen!“
Nachdem die Rosinen vom Tisch sind, bittet dich Ali um einen mittelgroßen Topf, damit der Bulgur schon einmal quellen könne.
Du sagst: „Oh!“
Ali sagt: „Was ist jetzt schon wieder?“
Du sagst, dass dir gar nicht klar war, dass Kibbeh mit Bulgur gemacht wird. Das Problem wäre, dass du unter einer Glutenunverträglichkeit leiden würdest und gar kein Bulgur essen dürftest.
Ali verschränkt die Arme über seinem Kopf.
„Aber dann können wir es bleiben lassen“, sagt er, „ohne Bulgur kann man kein Kibbeh machen. Rosinen können wir meinetwegen weglassen. Rind geht notfalls auch. Aber ohne Bulgur, das können wir vergessen!“
„Ach, komm schon“, sagst du, „dann müssen wir das Rezept einfach leicht abwandeln.“
„Und wie soll das gehen?“ fragt Ali.
Du nimmt eine Schüssel zur Hand und vermengst darin das Hackfleisch mit den Zwiebel und einem Ei sowie Semmelbrösel für die Bindung. Dir fällt ein, dass du noch Petersilie im Kühlschrank hast und gibst diese ebenfalls kleingehackt hinzu. Die Masse würzt du mit Salz und Pfeffer und formst daraus kleine Bällchen, die du in der Pfanne von beiden Seiten scharf anbrätst. Dann stellst du den Herd auf mittlere Stufe und lässt die Bällchen ca. 5-10 Minuten garen.
Als Beilage wählst du Kartoffelsalat, von dem sich glücklicherweise immer eine Fertigpackung im Kühlschrank befindet.
Nachdem alles fertig ist, setzt ihr euch an den Tisch. Im Hintergrund läuft immer noch Cat Stevens. Du schenkst Ali ungefragt ein Bier ein.
Ali sagt, dass er, genauso wie vorgestern, immer noch keinen Alkohol trinken würde.
Du entschuldigst dich und willst ihm ein alkoholfreies Bier einschenken, aber Ali hält seine Hand über das Glas und meint, dass er generell den Geschmack von Bier nicht mögen würde.
Du sagst: „Okay, schade um die Flasche.“
Ali sagt: „Du hättest sie ja nicht öffnen müssen.“
Da die Stimmung leicht kippt, lenkst du das Gespräch zurück auf das Essen.
„Und“, fragst du Ali, „schmeckt doch fast wie zu Hause, oder nicht?“
Ali antwortet zögerlich, dass es nicht schlecht schmecke, aber der Charakter von dem Originalgericht nicht mehr so gut durchkommen würde, weil zu original-syrischen Kibbeh ja eigentlich auch ein Joghurt-Minz-Dipp mit frischem Knoblauch und Zitronenabrieb gehöre.
„Ach, die Soße!“, sagst du und holst aus dem Kühlschrank eine Tube Ketchup.

Autokauf

Soeben habe ich ein Leasingvertrag für ein neues Auto abgeschlossen, eins mit Autopilot, das von ganz alleine fährt. Als es um die Leasingrate geht, klärt mich der Verkäufer auf, dass ich die Wahl hätte zwischen einer Monatsrate von 2.000€ oder 5.000€.
Auf meine Frage, wo denn da der Unterschied liege, antwortet er, dass es sich um zwei verschiedene Sicherheitspakete handeln würde.
Ich sage, Airbag vorne und hinten und ein Spurhilfeassistent wären schon ganz sinnvoll.
Er entgegnet, das sei alles inklu, aber wie hoch denn sonst so mein Sicherheitsbedürfnis wäre?
Ich sage, ach, da wäre ich eigentlich nicht so ein ängstlicher Typ, und wie ginge der Spruch noch: Sterben müssen wir sowieso, schneller geht`s im Cabrio!
Er meint, dann sei ja alles gut und ich könne mich beruhigt für die 2.000€ im Monat entscheiden.
Auf mein erneutes Nachhaken, wo denn jetzt genau der Unterschied liege, nippt er zunächst an seinem Kaffee, um dann seelenruhig auszuführen, dass bei 5.000€ lediglich die Softwareeinstellung etwas anders wäre. Gemäß den gesetzlichen Vorgaben wäre das Auto nämlich serienmäßig so programmiert, dass es sich, wenn es nur die Möglichkeit gebe, ein Kind zu überfahren oder gegen einen Baum zu donnern, in meinem Fall für den Baum entscheiden würde. Für 5.000€, ergänzt er, könne man die Software allerdings so manipulieren, dass sich das Auto nicht für den Baum entscheidet.
Aber das wäre doch sicherlich nicht legal, rufe ich empört dazwischen, woraufhin der Verkäufer entschuldigend die Hand hebt und etwas von der berühmten Grauzone murmelt. Er wolle mich nicht mit Details langweilen, fügt er hinzu, aber im Grunde wäre das so eine Art Emissionshandel, nur, dass man sich kein CO2, sondern Sicherheit erkauft, wovon letztlich dann auch die Allgemeinheit profitieren würde, da der Staat mehr Steuergelder zur Verfügung hätte, um beispielsweise neue Kindergärten zu bauen.
Ich nicke und frage, ob es dann aber nicht auch für Personen wie mich, die gar nicht so ein hohes Sicherheitsbedürfnis haben, einen noch günstigeren Tarif gebe?
Der Verkäufer bejaht dies, er hätte es nur nicht erwähnt, weil sich die meisten sowieso für das teure Paket entscheiden würden, aber für 1.000€ im Monat würde das Auto zum Beispiel auch dann gegen den Baum knallen, wenn es erkennt, dass der Passant einen Armani Anzug trägt. Wobei sie mittlerweile auch Verträge mit Gucci und Louis Vuitton abgeschlossen hätten, sodass er mir das Auto zu einer Spitzenrate von nur 500€ im Monat anbieten könne.
Ich sage, für 500€ im Monat so einen Luxusschlitten zu fahren, das wäre ja genial!
Aber ob ich denn wirklich keine Bedenken hätte, vergewissert sich der Verkäufer, denn gerade die Armani-Träger würde ja ständig in Autos reinstolpern, weil sie immer nur damit beschäftigt wären, nach neidischen Blicken Ausschau zu halten, die sie auf sich ziehen, das wäre statistisch erwiesen!
Ich schüttele mit Nachdruck den Kopf und entgegne, dass eigentlich immer irgendetwas passieren könne und es daher auch gar nicht gut sei, sich zu sehr ans Leben zu klammern.
Als ich eine halbe Stunde später mit dem Auto in unsere Einfahrt einbiege, steht meine Frau bereits kopfschüttelnd vor der Haustür. Wo ich mich denn so lange herumgetrieben, fragt sie giftig, und was das da schon wieder solle, ein neues Spielzeug, was zum Vergnügen, während sie in der Arbeit ersticken würde, aber das wäre ja wieder typisch für mich, einfach aus einer Laune heraus ein Auto zu kaufen, ohne nachzudenken oder vielleicht mal zu fragen, das wäre immer dasselbe mit mir, immer würde ich nur an mich denken!
Aber das mache ich ja gar nicht, sage ich, das Auto ist nicht für mich, das ist für dich!

Integration II

Gestern war ich wieder mit meinem syrischen Kumpel in der Stadt unterwegs. Auf der Höhe des Rathauses drückt uns jemand einen Flyer in die Hand.
Ich schau kurz drauf und sage zu Ali: „Werbung für die anstehenden Wahlen. Weißt du, wer gewählt wird?“
„Klar“, sagt Ali, „der Bürgermeister!“
Ich zucke zusammen.
„Alter, nicht so laut, die Leute gucken schon!“
Tatsächlich bemerken wir, dass uns die entgegenkommenden Passanten giftig anstarren.
„Was denn?“ fragt Ali.
„Nicht Bürgermeister“, flüstere ich, „es sind Frauen und Männer, die zur Wahl stehen. Das ist total beleidigend, wenn du das andere Geschlecht nicht mit einbeziehst!“
„Ach so“, sagt Ali, „dann also Bürgermeister*innen.“
Wieder schüttelt ein Passant böse den Kopf. Ich bleibe stehen und halte Ali an der Schulter fest.
„Sag mal, willst du, dass wir Ärger bekommen?“ frage ich ihn.
„Wieder falsch?“ fragt Ali zurück.
„Nicht Bürgermeister*innen, sondern „Bürger*innenmeister*innen. Du musst da wirklich aufpassen, das geht nicht, dass du einfach alle Menschen über einen Kamm scherst!“
„Das wusste ich nicht. Also Bürger*innenmeister*innen“, wiederholt Ali lernbegierig.
In dem Moment hält ein Passant wütend auf uns zu und brüllt: „Sag mal, wollt ihr, dass ich euch die Fresse poliere?“
Wir weichen ihm aus und gehen schnell weiter.
„Da hast du es“, rufe ich Ali ärgerlich zu, „wegen deiner Sprachschlamperei wäre das jetzt beinahe schief gegangen!“
„Aber ich hab doch gesagt Bürger*innenmeister*innen!“ entgegnet Ali verständnislos.
„Ja“, sage ich, „aber wie du es gesagt hast. Du musst die Pause für das Gendersternchen lassen, es heißt Bürger-Pause-innen-meister-Pause-innen. Wenn du das nicht sauber artikulierst, wirkt das total intolerant, und du hast ja gesehen, wie die Leute darauf reagieren!“
Plötzlich ist es Ali, der stehenbleibt.
„Sag mal, kann es nicht viel eher sein, dass uns die Leute wegen deines T-Shirts anmachen?“
Ich schau an mir runter und lese in dicken Buchstaben AFD = NAZIS.
„Ach du Schande, du hast Recht“, sage ich, „da habe ich heute morgen überhaupt nicht drüber nachgedacht. Das ist mir jetzt total unangenehm!“
Ali nickt und reicht mir seine Jacke, die ich mir sofort überziehe. Dann verabschiede ich mich, um den Fehler schnellstmöglich zu korrigieren. Zu Hause angekommen nehme ich einen dicken Edding zur Hand und ergänze: AFD = NAZI*INNEN