Integration

Heute war ich bei einem muslimischen Flüchtling zu Besuch, um ihm einen Fernseher vorbeizubringen, den ich übrig habe. Der Mann heißt Ali und ist erst vor Kurzem aus Syrien geflohen. Er begrüßt mich freudig und wir machen es uns auf der deutlich in die Jahre gekommenen Wohnzimmergarnitur bequem.
Dann fragt er mich, ob ich einen Tee wolle und fügt stolz hinzu, dass er Anistee da habe, eine syrische Spezialität, die er die ganze Reise über mit sich herumgeschleppt hätte.
Ich rümpfe die Nase und erwähne, dass ich eigentlich nur ostfriesischen Schwarztee trinken würde.
Er entschuldigt sich, dass er den leider nicht da hätte.
Dann nur Wasser, sage ich.
Er reicht mir ein Glas und gießt sich höflichkeitshalber ebenfalls Wasser ein. Dann studieren wir gemeinsam die Fernsehzeitschrift, die ich ihm gerade noch am Kiosk gekauft habe.
Er tippt auf die linke Spalte und fragt: Was ist denn das?
Two and a half men, sage ich, so eine Sitcom. In der Folge holt sich Charlie zwei Prostituierte ins Haus, während seine Mutter ihre lesbischen Gefühle entdeckt und Sex mit der Mutter der Freundin ihres anderen Sohnes Alan hat.
Ali nickt, dann tippt er etwas weiter unten und fragt: Und das?
Ah, sage ich, Das Supertalent, eine Show für die ganze Familie. Das war letztens ganz lustig, da hat sich eine Frau auf ihren blanken Hintern ein Hundegesicht gemalt und ihn dann mit Würstchen gefüttert.
Ali tippt auf die rechte Spalte. Und das?
Der Bachelor. Da soll ein Mann unter zwanzig Frauen seine Frau fürs Leben finden. Dafür knutscht er mit jeder mal herum und hat mit ein paar von ihnen Sex.
Ach so, sagt Ali, und das hier?
Bachelor in Paradise, so ähnlich wie Bachelor, nur, dass jeder mit jedem rummacht.
Und das hier?
Prince Charming, das gibts aber nur als Stream, so eine Art Bachelor mit Schwulen.
Und das hier?
Queen of drags, das geht ab Donnerstag auf Sendung, Heidi Klum castet darin Männer, die sich in sexy Frauenkleidern lasziv auf der Bühne räkeln.
Und das hier?
Naked Attraction. Da findet man seinen neuen Partner, indem man sich zuerst dessen Geschlechtsteile anschaut, und wenn man sich entschieden hat, bekommt man auch das Gesicht zu sehen.
Ali ist auf einmal ganz blass geworden.
Du, ich denke, ich brauche gar keinen Fernseher, sagt er.
Aber er würde dir helfen, dein Deutsch zu verbessern, gebe ich zu Bedenken.
Ja schon, aber ich habe hier auch so wenig Platz.
Du, ich habe ihn extra mitgeschleppt, das finde ich jetzt irgendwie unhöflich.
Ali schluckt laut. Wenn du willst, sagt er, kann ich ihn für dich zurücktragen, das macht mir nichts.
Ne, ist nicht nötig, sage ich offenkundig beleidigt. Dann schnappe ich mir den Fernseher und verlasse die Wohnung, indem ich die Wohnungstür etwas lauter als sonst ins Schloss fallen lasse.
Wenn die Integration gelingen soll, denke ich noch, wäre es schon gut, wenn die sich wenigstens so ein bisschen für die deutsche Kultur interessieren würden.

Die Tote am Strand

Tag 2 meines Urlaubs auf Malta. Als ich morgens den Frühstücksraum betrete, ist die Stimmung seltsam. Urlauber, die sich gar nicht kennen, unterhalten sich aufgeregt über die Tische hinweg. Kellner stehen herum und starren auf ihr Handy. Eine Frau nippt still an ihrem Kaffee, während ihr Tränen die Wange herunterlaufen. Da alle Tische belegt sind, setze ich mich zu einem älteren Pärchen, das mich freundlich anlächelt.
„Wissen sie, was hier los ist?“ frage ich, während mir einer der Kellner Kaffee einschenkt.
„Eine Tragödie“, antwortet der Mann, „Patricia Jolie ist scheinbar heute Nacht hier vor Malta ertrunken!“
„Die Schauspielerin?“ frage ich erstaunt zurück.
Beide nicken betroffen.
„Ich kann das gar nicht glauben“, sagt die Frau, „so schön, so talentiert und dann sowas!“
Um zu überprüfen, ob das auch wirklich wahr ist, hole ich mein Handy heraus und google ihren Namen. Tatsächlich überschlagen sich die Nachrichtenportale mit Eilmeldungen. Die Bild titelt: Die Welt trauert! Ich lese mir den Artikel durch und erfahre, dass sie ihren Geburtstag auf einer Yacht vor der Küste Maltas gefeiert habe und aus noch ungeklärten Gründen über Bord gegangen sei. Die Küstenwache habe die ganze Nacht nach ihr gesucht, aber bisher ohne Erfolg.
Ich lege das Handy wieder zur Seite und schaue hoch zu dem Ehepaar. Die Frau hat nun auch Tränen in den Augen.
„Sie müssen wissen“, sagt sie, „dass ich jeden ihrer Filme gesehen habe. Ich verstehe nicht, dass gerade ihr so etwas zustoßen konnte!“
„Ja, das ist wirklich traurig“, pflichte ich ihr leise bei.
Dann stehen die beiden abrupt auf. Sie hätten kaum Hunger und würden jetzt Spazierengehen, um den Kopf freizukriegen.
„Dann wünsche ich Ihnen trotz allem einen schönen Tag!“ verabschiede ich mich höflich und hole mir anschließend vom Buffet ein Brötchen, das ich mit einer dicken Schicht Nutella bestreiche. Da ich allerdings gleich beim ersten Bissen merke, dass auch mir dir gedrückte Stimmung auf den Magen schlägt, trinke ich nur noch einen Schluck Kaffee und begebe mich direkt zum Parkplatz, um, wie geplant, mit dem Mietwagen die Insel zu erkunden.
Als ich gerade losfahren will, stellt sich mir ein Mann hastig winkend in den Weg. Er wäre Journalist und hätte gerade einen Tipp bekommen, dem er unbedingt nachgehen müsse. Aber sein Scheißauto würde nicht starten, ob ich ihn fahren könne?
Nach kurzem Zögern willige ich ein. Auf dem Weg erklärt er mir, dass man scheinbar die Leiche der Schauspielerin Patricia Jolie gefunden hätte und er jetzt dringend zum Fundort müsse.
„Aber ist das nicht Angelegenheit der Polizei?“ frage ich ihn skeptisch.
Der Mann lächelt hämisch. Er wäre sich gar nicht sicher, ob die Polizei bereits im Bilde sei und außerdem hätte sie auch keine so hochauflösende Spiegelreflexkamera.
‚Ein Paparazzo‘, denke ich und spiele mit dem Gedanken, den Mann aus dem Auto zu schmeißen, aber überrumpelt vom Lauf der Dinge fahre ich weiter. Er lotst mich tief in den Süden zu einem abgelegenen Kiesstrand. Die Autos, die dort bereits parken, lassen uns ahnen, dass sich der Tipp bereits herumgesprochen hat.
„Mach schnell, park irgendwo!“ ruft der Paparazzo ungeduldig.
Wir steigen hastig aus dem Wagen und spurten zum Strand, wo wir uns einer Menschentraube aus weiteren Paparazzi und ein paar schaulustigen Touristen anschließen.
Wir alle folgen einem Herrn in Badehose, der die Tote scheinbar heute Morgen beim Spazierengehen gefunden hat. Bereits nach wenigen Metern sehe ich ein großes Badetuch aufgewölbt im Kies liegen. Während wir näherkommen, brechen alle Gespräche abrupt ab. Schweigend bilden wir einen Kreis um das Badetuch herum. Der Herr mit der Badehose beugt sich hinunter und greift nach dem Tuch. Als er daran zieht, geht ein Raunen durch die Runde. Im Kies liegt nicht die Leiche von Patricia Jolie, sondern die Leiche einer schwarzen Frau, die uns mit ihren angstschreienden Augen anstarrt.
Ich schaue mich um und sehe wie die Paparazzi missmutig die Kamera vom Gesicht nehmen.
„So ein Mist!“ ruft einer.
„Der ganze Weg umsonst!“ ein anderer.
Nachdem sie der Reihe nach ihrem Ärger Luft gemacht haben, hält plötzlich jemand sein Handy hoch.
„Patricia Jolie lebt!“ schreit er. „Hier steht es, die ist gar nicht über Bord gegangen, sondern die hat sich lediglich unter Deck zurückgezogen und ist dort eingeschlafen. Ihr Freund hat sie heute Morgen entdeckt!“
„Sie lebt? Aber das ist ja wunderbar!“ ruft einer der Touristen und fängt begeistert an zu klatschen.
„Dann auf zum Hafen, vielleicht wissen die dort mehr!“ schlägt jemand vor und kaum, dass er es ausgesprochen hat, hetzen alle Paparazzi wie Jagdhunde, die erneut Fährte aufgenommen haben, zu den Autos, und hinter ihnen her, laut plappernd, die Tou,risten.
Als sie alle weg sind, kehrt Stille ein. Die Wellen treiben leise und gleichmäßig an den Strand und umspülen mit ihrer Gischt die Beine der Ertrunkenen. Ich beuge mich zu ihr hinunter und versuche ihre Augenlider zu schließen. Mein Blick fällt auf das goldene Medaillon an ihrer Halskette. Ich öffne es und zum Vorschein kommt das Bild eines kleinen Babys, das vergnügt glucksend in die Kamera lächelt.

Unter Strom

Mein Fernseher ist heute morgen kaputt gegangen. Das kam so, dass ich auf Arte einen Bericht über die globale Umweltverschmutzung gesehen habe. Dabei kam mir der Gedanke, dass doch eigentlich Strom die Wurzel allen Übels ist. Dann ist mir eingefallen, dass ich doch immer noch diese Zeitmaschine besitze, die ich damals genutzt hatte, um zum Grab Jesu zu reisen (manche werden sich erinnern). Ich gehe also hinunter in den Keller und stelle sie auf das Jahr 624 vor Christus, um Thales von Milet davon abzuhalten, mit einem Tuch an einem Bernstein zu reiben, um herauszufinden, dass dadurch Elektrizität entsteht. Dort angekommen stehe ich vor seiner Tür und weiß nicht so recht, was ich tun soll. Als ich gerade klopfen will, wird sie von innen aufgerissen und eine sehr schöne Frau stürmt heraus.
„Was ist denn los?“, frage ich sie im holprigen Altgriechisch.
„Dieser Trottel hat nur Augen für seine Bücher!“, schimpft sie, während sie die obersten beiden Löcher ihrer Bluse zuknöpft.
Mir fällt ein, dass Thales von Milet vermutlich unverheiratet war, da er, so wie die meisten Philosophen, niemanden um sich haben wollte, der seine Kreise stört. Das aber könnte die Lösung sein, denke ich, eine Frau, die ihn von Höherem ablenkt, damit er bloß nicht an diesem blöden Bernstein reibt.
„Totaler Trottel!“, entgegne ich. „Komm mit, wir sagen dem jetzt mal die Meinung!“
Das freudige Nicken der Frau verrät mir, dass es ihr nicht häufig passiert, von einem Mann verstanden zu werden. Sie öffnet die Tür und begleitet mich in die Stube. Am hinteren Fenster steht ein Schreibtisch. Davor sitzt Thales von Milet, so sehr in seine Studien vertieft, dass er nichts von unserer Anwesenheit mitbekommt.
„Hallo!“, ruft die Frau energisch, „hier will dir jemand etwas sagen!“
Der Philosoph blickt auf.
„Ähm, guten Tag!“ sage ich.
Er starrt mich schweigend an.
Ich räuspere mich und setzte noch einmal an: „Hallo, ich bin Alexander!“
„Geh mir aus der Sonne!“ giftet er zurück.
„Nicht der Alexander“, sage ich, „aber jetzt mal zur Sache, die Frau hier, ich meine, schau sie dir an, wie kannst du so einen Engel von dir stoßen?“
„Hab zu tun!“, antwortet er und wendet sich wieder seinen Büchern zu.
Ich blicke zur Frau hinüber, die schon wieder dabei ist, ein Knöpfchen von ihrer Bluse zu lösen.
„Kannste vergessen“, sage ich, „mit Lust und Leidenschaft kommen wir hier nicht weiter. Was wir benötigen, sind Verstand und Logik.“
Bei dem Wort „Logik“ huscht ein Lächeln über das Gesicht des Philosophen. Ich trete an ihn heran und nehme ihm das Buch weg.
„Nun hör mal zu“, sage ich, „du bist einer der größten Köpfe deiner Zeit, du kannst doch nicht wollen, dass deine Genialität mit dir ausstirbt. Du musst dich fortpflanzen, Mann!“
An seinen geweiteten Augen erkenne ich, dass er mich verstanden hat. Eine Weile verharrt er nachdenklich an seinem Platz, dann hebt sich sein Blick zur Frau, die lasziv an ihren Haaren herumspielt.
„Dann soll es so sein“, sagt er knapp.
Ich zünde eine Kerze an und schleiche mich auf Zehenspitzen hinaus.
Wieder zu Hause angekommen, bemerke ich, dass Heizung, Fernseher und alle Lampen fehlen.
Dann hat es tatsächlich geklappt, denke ich. Indem ich seine niederen Instinkte geweckt habe, hat Thales von Milet niemals an dem Bernstein gerieben und sein Wissen darüber auch nicht der Nachwelt veerbt. Und glücklicherweise ist ohne diese entscheidende Entdeckung dann auch später niemand mehr auf die Idee gekommen, dass so etwas wie Elektrizität existieren könnte.
Wie zum Beweis fährt vor dem Fenster ein Kettcar vorbei, das von einem wild strampelnden Familienvater angetrieben wird, während die Kinder auf der Rückbank herumalbern.
Aber irgendwie ist es doch ziemlich frisch hier drinnen, so ganz ohne Heizung, denke ich und gestehe mir ein, dass die Idee, die Menschheit vor der Elektrizität zu bewahren, wohl doch nicht so gut war. Um alles wieder rückgängig zu machen, steige ich noch einmal in die Zeitmaschine und drücke die Reset-Taste, die der Erfinder zum Glück eingebaut hat. Dann horche ich gespannt, ob draußen wieder die Autos rasen, aber zu meiner Enttäuschung höre ich immer noch die angestrengt fluchenden Familienväter. Ich überlege, was schief gelaufen sein könnte und erkenne nach einer Weile den Fehler. Indem ich die Reset-Taste drücke, gelange ich wieder an den Punkt von heute morgen, an dem ich in die Zeitmaschine steige, um die Zukunft zu verändern, wodurch ich wieder an den Punkt gelange, die Reset-Taste zu drücken. Die einzige Chance wäre somit, die Reset-Taste zu drücken und gleichzeitig nach heute morgen zurückzureisen, um mit dem Besen auf den Fernseher einzuschlagen, damit ich nicht auf Arte schalten kann und auf die Idee komme, in der Zeit zurückzureisen, um zu verhindern, dass die Menschheit die Elektrizität entdeckt, kombiniere ich mit der mir verbliebenen Schärfe meines jetlaggeplagten Verstandes. Seitdem geht die Heizung zwar wieder, aber der Fernseher ist kaputt.

Klimawandel

Gestern ist mir ein Mann im Traum erschienen.
Ich rufe: Jesus?
Er sagt: Ne, Sokrates, aber auch Bartträger.
Ich sage: Schade.
Er ignoriert dies und sagt: Hör mal, ich habe gehört, du wetterst gegen die Klimaökos?
Ich frage: Klimaökos? Wo hast du das denn her?
Er sagt: Twitter.
Ich sage: Dann hast du sicherlich auch was von dieser Debatte mitbekommen, von wegen, Kinderkriegen ist schlecht für die Umwelt.
Er sagt: Wenn du ernsthaft diskutieren willst, dann darfst du nicht auf den dümmsten Gegner zeigen, sondern du musst dich mit den Klügsten messen – und dich so lange mit Argumenten befeuern lassen, bis du entweder untergehst oder Schwimmen lernst.
Dann wird er auf einmal vor meinen Augen von Logikwölkchen aufgehoben und ist verschwunden.
Am nächsten Tag ziehe ich los und kaufe mir ein dickes Fachbuch mit dem Titel: „Erderwärmung – warum es noch nicht zu spät ist“. Damit mache ich es mir vor dem Kamin gemütlich und fange an zu lesen. Doch schon nach wenigen Seiten werden mir die Augen schwer. Ich nehme mein Handy zur Hand, um zu googeln, was ein thermisch radiatives Gleichgewicht ist, schau mir aber dann doch das vorgeschlagene Video an, in dem ein Affe auf einem Einrad das Gleichgewicht verliert und mit vollem Schwung in die Themse brettert. Anschließend google ich den Buchtitel, um mir bei Amazon die Kundenmeinungen durchzulesen. Einer schreibt: „Dieser Klimaasthmatiker soll mal tief Luft holen. Hab das Buch zwar nicht gelesen, aber die Argumente sind voll der Schwachsinn!“
Ich beschließe, dass ich das Buch, wenn es sowieso keine guten Argumente enthält, ja dann auch nicht weiterlesen muss und schmeiße es enttäuscht in den Kamin, damit ich für das Geld wenigstens etwas Wärme zurückbekomme.
Keine 5 Minuten später klingelt mein Nachbar an der Tür.
Er fragt, was ich denn schon wieder verbrennen würde?
Ich frage zurück, warum er denn zu so später Stunde noch den Häcksler anwerfen müsse?
Er sagt, ihm wäre ein Mann im Traum erschienen. Sophokles oder so ähnlich. Der hätte ihm gesagt, er solle nicht immer nur über die Klimaleugner schimpfen, sondern sich erst einmal mit ihren Positionen beschäftigen. Daraufhin hätte er sich ein Buch gekauft, aber weil er nicht so richtig reingekommen wäre und auch auf Amazon gestanden hätte, dass es sich nicht zu lesen lohnt, hätte er beschlossen, es zu häckseln und unter den Biodünger zu rühren.
Ich sage ihm, dass Biodünger aber auch nicht ganz ohne wäre. Gerade erst hätte ich auf Facebook gelesen, dass jährlich mehrere Millionen Menschen an verdorbenem Gemüse sterben.
Ach ja? entgegnet er, und er hätte gehört, dass Kamine die Luft so stark verpesten, dass Vögel bereits im Vorüberfliegen daran ersticken!
Was für ein Idiot! denke ich, der glaubt auch alles, was man ihm erzählt.

Tagesthemen

Gestern Abend sehe ich die Tagesthemen. Im ersten Beitrag wird von einem Mann in Bangladesch berichtet, der an Krebs leidet, weil er jahrelang für einen Kleiderhersteller Wäsche mit der bloßen Hand eingefärbt hat. Da er nicht versichert ist und das Textilunternehmen sich weigert, die Behandlungskosten zu übernehmen, da sich nicht mit Sicherheit nachweisen ließe, dass die eingesetzten Chemikalien den Krebs ausgelöst hätten, wird ihm vermutlich nichts anderes übrig bleiben als in seiner kleinen Ein-Zimmer-Wohnung, in der er mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern lebt, auf den Tod zu warten.

Es folgt ein Porträt über Jakob, der seit 20 Jahren obdachlos ist und von seinem Leben auf der Straße berichtet. Nachts sei das besonders gefährlich, sagt er. Den Schlafsack würde er nie ganz zumachen, um bei Gefahr schnell auf die Beine zu kommen. Aber das Schlimmste, sagt er, das Schlimmste seien die Blicke der Leute. Blicke, die ihn flüchtig treffen und sich schnell wieder abwenden als sei er Luft oder Müll, den jemand vergessen hätte, abzuholen.

Im dritten Beitrag ist ein Künstler namens Christo jr. zu sehen, der vorhat, die Jesus-Statue in Rio komplett zu verhüllen, um damit auf eine Gesellschaft mit abnehmender Betriebstemperatur aufmerksam zu machen, in der Empathie und Anteilnahme scheinbar nur noch als Emoticons auf WhatsApp vorhanden sind. Es gebe zu viele Iche und zu wenig Du`s, sagt er, als hätte er gerade Buber gelesen.

Als Ingo Zamperoni wieder zu sehen ist und ich gerade umschalten will, da auf RTL der Spätfilm anfängt, passiert etwas Unerwartetes. Der Sprecher öffnet seine Lippen, ist aber nicht zu hören und auf einmal vernehme ich eine andere Stimme, die mir durch Mark und Bein geht: Alexander, du bist Schuld! Ich denke, ich hätte mich verhört und stelle den Ton lauter, aber so als sei nichts gewesen, ist in dem Moment Ingo Zamperoni schon wieder dabei, den nächsten Beitrag anzumoderieren.
Weil mir auf einmal ganz komisch ist, rufe ich meine Psychologin an.

Ich sage: Hallo, ich bin`s.
Sie sagt: Sie schon wieder?
Ich sage: Ich glaube, ich bin verrückt geworden.
Sie sagt: Schon wieder?
Ich sage: Diesmal wirklich, ich höre Stimmen, die aber gar nicht da sind.
Sie sagt: Dann sind Sie scheinbar tatsächlich verrückt geworden.
Ich sage: Und nu?
Sie sagt: Sprechstunde wieder Dienstag ab 8:00Uhr.
Dann legt sie auf.

Da ich mich nicht viel besser fühle, rufe ich einen Freund an.
Ich sage: Der Fernseher redet zu mir.
Er sagt: Das ist ja verrückt.
Ich sage: Er kennt meinen Namen!
Er sagt: Krass, wie bei The Game.
Ich frage: Was?
Er sagt: The Game. Der Film mit Michael Douglas. Da spricht der Fernseher auch mit ihm und auf einmal findet er sich in einem Spiel wieder, in dem alles extra für ihn inszeniert ist.
Ich frage: Und warum?
Er sagt: Weiß ich auch nicht mehr so genau, irgendwie wegen seinem Geburtstag, oder so.
Ich sage: OK.
Er sagt: Dann bis morgen.
Dann legt er auf.

Um der Sache nachzugehen, rufe ich meinen Pastor an.
Ich sage: Hallo.
Er sagt: Du schon wieder?
Ich frage: Könnte es sein, dass das ganze Leben nur ein Spiel ist?
Er fragt zurück: Was sagt dir der Ausdruck Zimzum?
Ich sage: Nicht viel, klingt irgendwie nach einer dicken Stubenfliege.
Er sagt, dann wäre meine Aufgabe, das herauszufinden. Dann hätte ich was zu tun. Er nämlich auch. Er müsse noch vier Hochzeiten und einen Todesfall vorbereiten.
Dann legt er auf.

Im Lexikon schlage ich Zimzum nach und lese, dass der Begriff aus der Kabbala stammt und so viel bedeutet wie „Gottes Anwesenheit in seiner Abwesenheit“. Der Artikel handelt davon, wie Gott zu uns redet. Würde ein weiser alter Mann seine gebündelte Lebensweisheit an ein Kind weitergeben wollen, steht da, dann genügt es nicht, das Kind einfach darüber zu belehren, so wie man ihm Mathe beibringt. Denn wie sollte ein Kind etwas von dem verstehen, wofür man selbst viele Täler durchschritten und viele Gipfel erklommen hat und was dann unter Tränen der Freude und Trauer irgendwann zur inneren Reife gekommen ist? Stattdessen würde dem Alten nichts weiter übrigbleiben als sich selbst aus der Gleichung herauszunehmen und das, was er dem Kind zu sagen hat, mithilfe von Geschichten zu erzählen, die dem Kind vertraut sind. Denkt das Kind nun über diese Geschichten nach und erkennt es darin die Weisheit des Alten, dann ist dieser anwesend, obwohl er abwesend ist.

Ich blicke auf und plötzlich wird mir klar, was mir der Pastor sagen wollte. Das ganze Leben ist ein tiefes und reiches Gleichnis, durch das Gott selbst zu uns spricht. Oder vielleicht auch tatsächlich eine Art Spiel, vielleicht ein Kartenspiel und wer es ernst nimmt, der erkennt auf dem eigenen Blatt die Handschrift des Spielmachers. Und dann ist halt die Frage, was für ein Blatt ich benötige und welche meiner Karten mein Gegenüber benötigt, damit das Spiel Sinn macht.

Ich bin also Schuld, denke ich mir, und obwohl das niemand gerne hört, freue ich mich darüber, denn wer schuldig gesprochen wird, der besitzt immerhin die Würde der Verantwortung.

Während ich noch „Das ganze Leben ist ein Quiz“ vor mich hinsumme, neigen sich die Tagesthemen dem Ende. Ganz zum Schluss kommt noch einmal Ingo Zamperoni zu Wort. Er sei gerade darauf hingewiesen worden, dass zwischenzeitig die Regie zu hören gewesen wäre und bitte diese Panne zu entschuldigen.

Auferstehung

Als ich gestern in der Stadt war, ist etwas Merkwürdiges passiert. Ein Mann schleicht von hinten an mich heran. Er klopft mir auf die Schulter und fragt, ob ich Lust auf ein Abenteuer hätte? Da ich von Natur aus ein abenteuerlustiger Mensch bin, bejahe ich dies. Er führt mich zwei Straßen weiter in einen Hinterhof, dort eine schmale Treppe hinunter, hinein in ein Kellerverlies, bis wir endlich vor einer gusseisernen Tür stehen. Als er sie aufschließt, staune ich nicht schlecht. Der Raum ist vollgestopft mit allerlei technischem Gerät, es blinkt und blitzt überall. In der Raummitte steht eine Art Raumsonde. Der Mann klärt mich auf, dass dies eine Zeitmaschine sei. Er benötige Freiwillige, die sie testen. Ich wäre nicht der Erste. Sie würde auch einwandfrei funktionieren. Ob ich Lust hätte und wo es denn hingehen soll? Ich muss natürlich nicht lange überlegen, denn so eine Gelegenheit bietet sich wahrscheinlich nie wieder. Auch das Ziel habe ich vor Augen. Gerade erst hatte ich im Internet von einem Historiker gelesen, dem es gelungen war, die Todesnacht Christi auf den Tag genau zu berechnen. Dort wolle ich hin, sage ich dem Mann, um mit eigenen Augen zu sehen, wie der Auferstandene aus dem Grab steigt. Ich gebe ihm mein Handy, damit er anhand der Internetseite die richtigen Parameter für Raum und Zeit einstellen kann. Nachdem er das getan hat, öffnet er die Sonde und bittet mich, einzusteigen. Der Sitz ist eng und nicht sehr bequem. Der Mann sagt, dass sei nicht so schlimm, die Überfahrt würde nicht lange dauern. Er schließt die Sonde und durch die Plastikhaube sehe ich zu, wie das Zimmer schwindet und sich vor mir erst Dunkelheit und dann Bäume und Sträucher auftun. Nach wenigen Augenblicken meldet sich eine Computerstimme. „Sie haben Ihre Destination erreicht!“ Die Haube öffnet sich und kalte Waldluft strömt hinein. Ich erhebe mich und setze einen ersten Schritt in die Nacht. Das Mondlicht, das durch die Baumkronen leuchtet, zeichnet den Umriss eines dünn besiedelten Waldes. Langsam taste ich mich vorwärts, um die Umgebung zu erkunden. Nach ein paar Schritten bleibe ich stehen, da ich Stimmen vernehme. Ich folge ihnen und erblicke die Silhouette zweier Soldaten, die eine Art Höhle bewachen, deren Eingang ein schwerer Stein verschließt. Um nicht entdeckt zu werden, verstecke ich mich hinter einem dicht gewachsenen Busch. Es scheint tatsächlich geklappt zu haben, schießt es mir durch den Kopf, während ich versuche, möglichst leise eine bequeme Sitzposition einzunehmen. In Kürze würde ich Zeuge dessen, was ich immer schon geglaubt hatte. Aus der Dunkelheit heraus würde es hell aufblitzen. Engel würden erscheinen. Die Soldaten vor Schreck fliehen. Der Stein würde weggerollt und der auferstandene Christus in strahlend weißer Gestalt aus der Höhle heraustreten, eben noch tot und jetzt lebendiger als je zuvor. Mein Herz schlägt mir plötzlich bis zum Hals. Nervös riskiere ich durch das Blattwerk hindurch einen Blick, um zu sehen, ob sich schon etwas tut. Aber die Soldaten stehen immer noch da und unterhalten sich. Ihr armen Narren, denke ich. Das, was ihr bewacht, ist stärker als der Tod, euer Schwert wird euch nichts nützen, euer Kaiser euch nicht retten können, denn die Mächte dieser Welt sind besiegt! Ich spüre, dass der große Moment kurz bevorsteht. Fast bin ich geneigt, die letzten Sekunden herunter zu zählen. Zehn, neun, acht und bei eins gleißendes Licht, aus dem neues Leben hervorbricht. Gespannt starre ich in Richtung Höhle. Minuten vergehen, aber nichts tut sich. Nach einer gefühlten Stunde ziehe ich den Kopf zurück. Mein Oberschenkel schmerzt, sodass ich nochmals die Sitzposition wechsele. Während ich warte, kommen mir andere Gedanken in den Sinn: Was ist, wenn das Grab verschlossen bleibt? Wenn keine Engel erscheinen? Wenn es Morgen wird und die Welt immer noch die Selbe ist? Ich frage mich, ob ich das überhaupt wissen will oder ob es nicht viel besser wäre, wieder in meine Zeitmaschine zu steigen und weiter in Hoffnung und Glauben, statt in Gewissheit zu leben. Und selbst wenn Jesus aus dem Grab steigen würde, ja, selbst wenn er mich berührt, woher weiß ich, dass ich, wenn ich zurück bin, all dies nicht nur geträumt hätte? Mit diesen Gedanken überkommt mich schlagartig die Angst, von den Soldaten erwischt zu werden. Vermutlich würden sie mich auf der Stelle töten oder wenigstens verhaften, sodass ich den Rest des Lebens in einer römischen Zelle zubringen müsste, fernab jeder Hoffnung auf Rettung. Da ich nicht weiß, wie spät es ist, beschließe ich, augenblicklich zur Zeitmaschine zurückzukehren, um noch vor der Morgendämmerung die Heimreise anzutreten. Ganz langsam robbe ich über den Waldboden, mit jeder Bewegung darauf bedacht, bloß keine Geräusche zu machen. Erst als ich wieder in der Sonde sitze und sich über mir die Haube schließt, atme ich auf. Mit immer noch zitternden Händen drücke ich die Return-Taste. Der Wald verschwimmt vor meinen Augen und nur wenig später befinde ich mich zurück im Kellerverlies des Fremden. Wie die Reise gewesen wäre, fragt er mich neugierig. „Eindrücklich“, sage ich. Da ich den Drang nach Tageslicht verspüre, verabschiede ich mich relativ zügig. Draußen blinzele ich in die Sonne, die immer noch am Himmel steht. Von Weitem höre ich Glockenläuten, es erinnert mich an ein altes Kirchenlied: Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern, so sei nun Lob gesungen, dem hellen Morgenstern! Menschen wuseln eilig um mich herum. An der Ecke sitzt ein Bettler. Was ist Traum und was ist Wirklichkeit? Was ihr den Geringsten unter euch getan habt, das habt ihr mir getan! Ich mache mich auf den Weg und tauche neu ein in die Realität des Lebens.

Das Flüstern der H&M Verkäuferin

Da es draußen langsam kälter wird und ich einen neuen warmen Pullover benötige, war ich bei H&M einkaufen. Während ich die Tische nach einem ansprechenden Exemplar durchwühle, habe ich das Gefühl, dass mir die, ich muss es so sagen, ungemein attraktive Verkäuferin, immer mal wieder einen verstohlenen Blick zuwirft. Am hintersten Tisch mit den Kapuzenpullis steht sie auf einmal direkt vor mir.
„Der Schwarze würde dir unglaublich gut stehen!“ sagt sie lächelnd.
„Der ist ganz hübsch“, entgegne ich, „aber gibt es den auch in meiner Größe? Das ist nämlich immer die Schwierigkeit, einen Pullover zu finden, der gut aussieht und dazu noch passt.“
„Verstehe“, sagt sie „schlanke Figur, dazu ein breites Kreuz, starke Arme.“ Dann schaut sie mich forsch an und ergänzt: „Und dazu so ein süßes Gesicht!“
„Äh“, sage ich, während ich verlegen den schwarzen Kapuzenpulli zur Hand nehme und ihn vor mich halte, „könnte passen.“
Zärtlich streichelt sie mit der Hand darüber. „Tolle Qualität“, sagt sie, „das ist L, probier` ihn doch mal an!“
Ich sage, das sei eine gute Idee und dass sie ja kurz warten könne, um zu schauen, ob er mir auch wirklich steht. Sie nickt und folgt mir in Richtung Umkleidekabine.
„Oder ich helfe dir einfach beim Umziehen“, sagt sie mit einer Bestimmtheit, der ich nichts entgegenzusetzen habe.
In der Kabine stehen wir so dicht beieinander, dass ich ihren Atem spüren kann. Sie hilft mir aus dem alten Pulli und in den Neuen hinein.
„Sieht super aus!“ sage ich mit Blick in den Spiegel.
„Fühlt sich super an!“ entgegnet sie schon fast hauchend.
Als ich dann die Arme ausstrecke, um die Ärmellänge zu prüfen, passiert etwas Seltsames. Ich sehe wie das Schwarz vom Pullover in die Hand verläuft. Ich schau an mir herunter und stelle fest, dass auch die Hose bereits schwarz ist, ebenso wie der Boden und die Kabinenwände.
„Was passiert hier?“ schreie ich die Verkäuferin an.
Als ich zu ihr aufblicke, sehe ich nur noch Schwarz.
„Bleib ganz ruhig!“ ermahnt sie mich mit sanfter Stimme. „Das passiert, damit du nicht abgelenkt bist. Du musst dich jetzt konzentrieren, hörst du? Versuch, dich zu entspannen und dann hör genau hin, was ich dir zu sagen habe!“
Obwohl ich die Verkäuferin nicht sehe, spüre ich ihre Hand. Ich atme mehrmals ein und aus und merke, wie ich tatsächlich etwas ruhiger werde.
Die Verkäuferin fährt fort: „Ich bin hier, um dir die Augen zu öffnen. Alles, was du siehst, existiert nicht. Die Welt gibt es nicht. Mich gibt es nicht. Du hast noch nicht einmal einen Körper. All das ist Einbildung, nur Produkt eines expandierenden Bewusstseins. Deines Bewusstseins!“
Ich weiß nicht, was ich darauf sagen soll. Am liebsten möchte ich weglaufen, aber da ich nichts sehe, bleibt mir nichts anderes übrig, als mich auf ihre wirren Gedanken einzulassen.
„Was redest du denn da?“ frage ich ins Dunkel hinein. „Ich spüre doch, dass ich einen Körper habe. Ich spüre dich, deine Hand, die Kabine, das bilde ich mir doch nicht ein!“
„Doch, das tust du, aber du merkst es nicht, weil du nichts anderes kennst als die Realität, die sich in deinem Bewusstsein abspielt, weil es auch gar nichts anderes gibt.“
„Aber was ist mit meiner Erinnerung? Den Menschen um mich herum? Gerade erst haben wir Weihnachten gefeiert.“
„Deine Erinnerung ist Teil deines Bewusstseins. Jeden Morgen, wenn du aufwachst, bist du eine andere Person. Dir fällt das nicht auf, weil du mit einer komplett neuen Erinnerung aufwachst. Du denkst also nur, du hättest Weihnachten gefeiert oder wärst zur Schule gegangen, hättest studiert und einen Beruf ergriffen, aber eigentlich ist das nie passiert. Es sind Illusionen, die du benötigst, um dich in deinem Sein zurechtzufinden. Und wer weiß, vielleicht wachst du morgen als Cowboy auf und erlegst Rinder.“
„Aber was ist mit der Geschichte, was ist mit Hitler, Stalin, Nero, wer hat sich die ausgedacht?“
„Es ist dein Bewusstsein, das aus dem Erlebten immer wieder neue Erinnerungssequenzen zusammenbastelt. So gesehen warst du das.“
„Aber sowas würde ich mir niemals ausdenken!“
„Du weißt nicht, wozu du in der Lage bist!“
„Und du? Wer bist du?“
„Wie gesagt, mich gibt es ebenfalls nicht. Ich bin nur Teil deines Bewusstseins, der dir helfen soll, die Dinge etwas zu ordnen, damit du klarer siehst. Aber eigentlich hast du schon die ganze Zeit eine ganz andere Frage im Sinn.“
„Also gut, wozu das alles?“
„Das ist nicht leicht zu beantworten, aber es scheint so, dass dein Bewusstsein nach Sinn sucht. Nach dem Sinn des Lebens, sozusagen.“
„Und?“
„Sag du es mir!“
„Nach all dem, was ich weiß, wollen die Menschen in Frieden leben, ein gutes Leben führen und sich hin und wieder mal was gönnen. Ich würde daher sagen, der Sinn des Lebens besteht darin, glücklich zu sein.“
Noch während ich rede, wird es langsam wieder hell. Aus dem Dunkeln heraus tauchen die Kabinenwände auf. Ich schau auf meine Hände und sehe wie das Schwarz in den Pullover zurückkriecht. Nach einer Weile sehe ich alles wieder so hell und klar wie zuvor.
„Steht dir richtig gut!“ sagt die Verkäuferin.
Ich beeile mich, den Pullover auszuziehen und mir meinen alten überzustreifen.
„Dann muss ich den wohl kaufen“, sage ich, mehr als Ausrede, um endlich an die frische Luft zu kommen. Nachdem ich ihn bezahlt habe, eile ich die Rolltreppe hinunter und stürze hinaus ins Tageslicht. ‚Was war denn das?‘ rauscht es mir durch den Kopf. Noch immer benebelt, beeile ich mich, nach Hause zu kommen, um mich erst einmal hinzulegen. Als ich aufwache, habe ich das Gefühl, einen ganz schlimmen Traum gehabt zu haben. Auf dem Boden liegt die Tasche mit dem Pullover. In Gedanken sehe ich mich, wie ich ihn erst anprobiere und dann kaufe. Nach und nach verdrängt die Erinnerung die Einbildung. Oder war es doch kein Traum? Der Sinn des Lebens besteht darin glücklich zu sein, wiederhole ich meine Worte. Aber wann ist man glücklich? Sofort muss ich an die Verkäuferin denken und mir wird trotz aller Flüchtigkeit dieser Begegnung klar, dass man Glück nicht einfach haben kann, sondern dass Glück etwas ist, worin ich im gegenseitigen Aufeinanderbezogensein aufgehoben bin. Wenn sich das Leben aber erst im Gegenüber erfüllt, spinne ich den Gedanken weiter, dann wäre es doch reichlich ambivalent, wenn das, was das Leben eigentlich ausmacht, gar nicht existiert, weil es nur der Fantasie eines sich selbst vollziehenden Bewusstseins entspringt.
‚Somit habe ich scheinbar wirklich nur schlecht geträumt‘, denke ich erleichtert und muss mir gleichzeitig eingestehen, bei der Verkäuferin einen wohl doch nicht ganz so feurigen Eindruck hinterlassen zu haben. Noch einmal probiere ich den Pullover an, begutachte sicherheitshalber meine Hände und nehme mir fest vor, in Zukunft weniger Fichte zu lesen.