Avengers Endgame: Der Ork

Noch vor Sonnenaufgang war ich heute morgen bereits auf dem Flohmarkt am Schloss. Im Dämmerlicht schlendere ich durch die Reihen und durchsuche die Tische nach Raritäten, die man dort nur morgens findet, wenn die meisten Besucher noch im Bett liegen und die Aussteller mit einem Kaffee in der Hand ihre Ware platzieren. Am Ende der dritten Reihe fällt mein Blick auf einen Tisch, der mit allerlei Requisiten und Kostümen aus bekannten Hollywoodfilmen beladen ist. Ich halte an und will nach einem goldenen Fingerring greifen, doch bevor ich ihn überhaupt berühre, höre ich jemanden zischen: „Mein Schatz!“
Etwas irritiert schaue ich hoch zu dem Händler, der mit seinem langen grauen Bart und dem Schlapphut auf dem Kopf selbst aussieht als wäre er aus einem Film entflohen.
„Wie bitte?“ frage ich ihn.
„Das ist einer meiner ganz besonderen Schätze!“, sagt er, „aber du kannst ihn haben, für nur fünf Euro ist es deiner!“
„Fünf Euro für eine billige Kopie?“, empöre ich mich in typischer Flohmarktmanier.
„Das ist keine Kopie, der ich echt“, antwortet der Händler gelassen, „hier ist alles echt!“ Er legt eine kurze Atempause ein. Dann schaut er mir tief in die Augen und fügt leise hinzu, als ob es sonst niemand mitbekommen soll: „Aber du siehst eh so aus, als würdest du dich für etwas ganz Anderes interessieren!“
Er kramt in einer Kiste und zeigt mir eine sehr alte und schon leicht vergilbte Kinokarte mit handgemalten Zeichnungen darauf.
„Das, mein lieber Freund“, erklärt er mir in einem beinahe ehrfürchtigen Ton, „ist eine magische Eintrittskarte. Du erinnerst dich an den Film „Last Action Hero“ mit Arnold Schwarzenegger und dem kleinen Jungen, der mithilfe einer magischen Eintrittskarte in die Filmrealität seines Lieblingsfilms hineingelangt? Nun, das hier ist dieselbe Karte.“ „Und“, fügt er scharf hinzu, „sie funktioniert!“
„So ein Quatsch“, sage ich, „aber die Zeichnungen darauf sind wirklich schön, für nen Euro kaufe ich sie.
„Vier Euro“, entgegnet der Händler.
„Zwei“, sage ich.
„Drei“, sagt der Händler.
Wir einigen uns auf 2,50 Euro, dann schlendere ich weiter und mache mich wenig später mit der Eintrittskarte in der Hosentasche und einer antiken Tischleuchte im Rucksack auf den Weg nach Mac Donalds, um erst einmal ausgiebig zu frühstücken. Als ich anschließend am städtischen Kino vorbeikomme, werfe ich einen kurzen Blick auf das aktuelle Filmprogramm. In großen Buchstaben lese ich: „Jeden Samstag um Punkt 12: Das Siesta-Special. Heute mit Avengers Endgame!“ Ich schaue auf die Uhr, es ist fünf vor Zwölf. Da ich sonst nichts zu tun habe, kaufe ich kurzentschlossen ein Ticket sowie Popcorn und Cola. Im fast leeren Kinosaal fläze ich mich dann in die hinterste Reihe, um mich ein weiteres Mal von dem ewig währenden Kampf zwischen Gut und Böse verzaubern zu lassen. Als der Film schon fast zwei Stunden läuft und der Oberschurke Thanos gerade dabei ist, letzte Vorbereitungen für die Auslöschung allen Lebens im Universum zu treffen, wird mir auf einmal ganz warm am Hintern. Ich ziehe die Kinokarte aus der Gesäßtasche und stelle erstaunt fest, dass sie hell leuchtet. Als ich genauer hinsehe, scheinen sich die Figuren darauf zu bewegen und größer zu werden. Alles dreht sich auf einmal. Ich spüre einen starken Sog, der bissig an meinem Gesicht zieht und ehe ich mich versehe, werde ich von der Karte aufgesogen, hinein in einen dunklen Tunnel, in dem unzählige Filmszenen wie Sterne an mir vorüberziehen, bis am Ende des Tunnels alles wieder zum Stehen kommt und ich mich zu meiner großen Überraschung auf einem gigantischen Schlachtfeld wiederfinde. Noch bevor ich auch nur einen klaren Gedanken fassen kann, bäumt sich vor mir wie aus dem Nichts ein extrem hässlicher Ork mit faulen Zähnen auf, der im nächsten Moment von einem fliegenden Hammer getroffen wird und mit voller Wucht gegen einen Felsen knallt. Wie ich ihn dort liegen sehe, schwer getroffen und mit schmerzverzerrtem Gesicht, fasse ich mir ein Herz und stolpere halb auf Knien zu ihm hinüber. Der Ork sieht völlig entstellt aus, fast noch schlimmer als vor der Hammerattacke. Mit blutunterlaufenen Augen schaut er mich ängstlich an und wimmert mit Blick auf die Colaflasche, die ich immer noch in der Hand halte: „Durst, ich habe schrecklichen Durst!“
Vorsichtig hebe ich seinen Kopf an, damit er trinken kann. Er nimmt einen Schluck, dann schaut er mich dankbar an und fragt: „Warum tust du das?“
„Keine Ahnung“, sage ich, „vermutlich, weil ich so erzogen wurde. Aber ehrlich gesagt hätte ich auch nicht gedacht, dass du das zu schätzen weißt, schließlich bist du ein Ork!“
Der Ork blinzelt. „Und ein Ork, was auch immer das sein soll, hat nicht den Anstand, dankbar zu sein, wenn ihm Hilfe widerfährt?“
„Wie du redest!“, sage ich verwundert. „Wenn ihm Hilfe widerfährt – ich hätte nicht gedacht, dass sich ein Ork so wortgewandt ausdrücken kann.“
„Du scheinst uns ja gut zu kennen“, sagt der Ork, „aber ich will dir was sagen, ich war sogar auf der Schule, Klassenbester, mit Aussicht auf ein Stipendium fürs Medizinstudium. Bis dann Thanos gekommen ist und uns alle versklavt hat.“
„Das ist furchtbar!“ antwortete ich ehrlich gerührt und füge etwas verwundert hinzu: „Aber wäre das überhaupt gegangen, mit diesen Pranken Arzt zu werden? Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie man damit ein Skalpell oder auch nur einen Stift halten kann.“
„Wir sahen nicht immer so aus“, antwortet der Ork keuchend, „Thanos hat uns gezwungen, Tabletten zu schlucken, Hormone. Die haben uns stark und aggressiv gemacht – und hässlich!“
Sein Blick senkt sich zu Boden und Tränen laufen über seine Wange.
„Die Tabletten sind mir vor ein paar Tagen aus der Tasche gefallen, seitdem fühle ich mich schwach und traurig und vermisse meine Eltern!“
Ich überlege, nachzufragen, was mit seinen Eltern passiert ist, aber da ich die Antwort bereits ahne, erspare ich ihm das.
„Na, das wird schon wieder!“, versuche ich ihn stattdessen zu beruhigen, „ich bin mir sicher, wenn die Schlacht erst einmal vorbei ist, wird alles gut werden!“
„Wird alles gut werden?“, wiederholt der Ork spöttisch, „Was soll denn gut werden? Wenn Thanos gewinnt, wird er mit dem Finger schnippen und ihr werdet alle zu Staub zerfallen. Und solltet ihr gewinnen, dann werdet ihr nicht davor zurückschrecken, und dasselbe anzutun!“
Mit Schrecken erinnere ich mich an den Handschuh mit den mächtigen Infinity-Steinen. Wer ihn anzieht, kann alle seine Feinde einfach nur dadurch vernichten, dass er mit dem Finger schnippt.
Um in Erfahrung zu bringen, wie es um die Schlacht bestellt ist, schaue ich vorsichtig über den Felsen. Es wird kaum noch gekämpft, dafür liegen unzählige Leichen von Orks und noch hässlicheren Wesen auf dem Schlachtfeld herum. Der Sieg der Avengers scheint zum Greifen nahe. Dann entdecke ich plötzlich Thanos und vor ihm, auf dem Boden kniend, Iron Man. Thanos steht das blanke Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Er starrt auf irgendetwas, das an Iron Mans metallener Hand funkelt. Es sind die Infinity-Steine. Ich höre mich selber laut schreien: „Nicht, das ist Genozid!“ aber mein Schreien verhallt ungehört in der Luft. Iron Man schnippt mit dem Finger und im nächsten Moment wankt Thanos zu Boden, während er langsam zu Staub zerfällt.
„Er hat es getan!“ rufe ich schockiert und beuge mich herab zum Ork. Auch von ihm löst sich bereits der Staub. Von seinen Beinen und dem Unterkörper ist schon nichts mehr zu sehen. Mit letzter Kraft hechelt er: „Dann hat scheinbar das Gute wieder gewonnen!“ Und noch während er redet, erfasst ein Windstoß seinen Kopf und trägt die Asche davon, als wäre er nie gewesen.
Dann wird mir auf einmal wieder ganz warm am Hintern und ehe ich mich versehe, sitze ich pünktlich zum Abspann wieder im Kinosessel. Auf der Leinwand sind ein letztes Mal die Avengers zu sehen, die großen Helden, die es wieder einmal geschafft haben, die Welt zu retten.

Autokauf

Soeben habe ich ein Leasingvertrag für ein neues Auto abgeschlossen, eins mit Autopilot, das von ganz alleine fährt. Als es um die Leasingrate geht, klärt mich der Verkäufer auf, dass ich die Wahl hätte zwischen einer Monatsrate von 2.000€ oder 5.000€.
Auf meine Frage, wo denn da der Unterschied liege, antwortet er, dass es sich um zwei verschiedene Sicherheitspakete handeln würde.
Ich sage, Airbag vorne und hinten und ein Spurhilfeassistent wären schon ganz sinnvoll.
Er entgegnet, das sei alles inklu, aber wie hoch denn sonst so mein Sicherheitsbedürfnis wäre?
Ich sage, ach, da wäre ich eigentlich nicht so ein ängstlicher Typ, und wie ginge der Spruch noch: Sterben müssen wir sowieso, schneller geht`s im Cabrio!
Er meint, dann sei ja alles gut und ich könne mich beruhigt für die 2.000€ im Monat entscheiden.
Auf mein erneutes Nachhaken, wo denn jetzt genau der Unterschied liege, nippt er zunächst an seinem Kaffee, um dann seelenruhig auszuführen, dass bei 5.000€ lediglich die Softwareeinstellung etwas anders wäre. Gemäß den gesetzlichen Vorgaben wäre das Auto nämlich serienmäßig so programmiert, dass es sich, wenn es nur die Möglichkeit gebe, ein Kind zu überfahren oder gegen einen Baum zu donnern, in meinem Fall für den Baum entscheiden würde. Für 5.000€, ergänzt er, könne man die Software allerdings so manipulieren, dass sich das Auto nicht für den Baum entscheidet.
Aber das wäre doch sicherlich nicht legal, rufe ich empört dazwischen, woraufhin der Verkäufer entschuldigend die Hand hebt und etwas von der berühmten Grauzone murmelt. Er wolle mich nicht mit Details langweilen, fügt er hinzu, aber im Grunde wäre das so eine Art Emissionshandel, nur, dass man sich kein CO2, sondern Sicherheit erkauft, wovon letztlich dann auch die Allgemeinheit profitieren würde, da der Staat mehr Steuergelder zur Verfügung hätte, um beispielsweise neue Kindergärten zu bauen.
Ich nicke und frage, ob es dann aber nicht auch für Personen wie mich, die gar nicht so ein hohes Sicherheitsbedürfnis haben, einen noch günstigeren Tarif gebe?
Der Verkäufer bejaht dies, er hätte es nur nicht erwähnt, weil sich die meisten sowieso für das teure Paket entscheiden würden, aber für 1.000€ im Monat würde das Auto zum Beispiel auch dann gegen den Baum knallen, wenn es erkennt, dass der Passant einen Armani Anzug trägt. Wobei sie mittlerweile auch Verträge mit Gucci und Louis Vuitton abgeschlossen hätten, sodass er mir das Auto zu einer Spitzenrate von nur 500€ im Monat anbieten könne.
Ich sage, für 500€ im Monat so einen Luxusschlitten zu fahren, das wäre ja genial!
Aber ob ich denn wirklich keine Bedenken hätte, vergewissert sich der Verkäufer, denn gerade die Armani-Träger würde ja ständig in Autos reinstolpern, weil sie immer nur damit beschäftigt wären, nach neidischen Blicken Ausschau zu halten, die sie auf sich ziehen, das wäre statistisch erwiesen!
Ich schüttele mit Nachdruck den Kopf und entgegne, dass eigentlich immer irgendetwas passieren könne und es daher auch gar nicht gut sei, sich zu sehr ans Leben zu klammern.
Als ich eine halbe Stunde später mit dem Auto in unsere Einfahrt einbiege, steht meine Frau bereits kopfschüttelnd vor der Haustür. Wo ich mich denn so lange herumgetrieben, fragt sie giftig, und was das da schon wieder solle, ein neues Spielzeug, was zum Vergnügen, während sie in der Arbeit ersticken würde, aber das wäre ja wieder typisch für mich, einfach aus einer Laune heraus ein Auto zu kaufen, ohne nachzudenken oder vielleicht mal zu fragen, das wäre immer dasselbe mit mir, immer würde ich nur an mich denken!
Aber das mache ich ja gar nicht, sage ich, das Auto ist nicht für mich, das ist für dich!

Integration II

Gestern war ich wieder mit meinem syrischen Kumpel in der Stadt unterwegs. Auf der Höhe des Rathauses drückt uns jemand einen Flyer in die Hand.
Ich schau kurz drauf und sage zu Ali: „Werbung für die anstehenden Wahlen. Weißt du, wer gewählt wird?“
„Klar“, sagt Ali, „der Bürgermeister!“
Ich zucke zusammen.
„Alter, nicht so laut, die Leute gucken schon!“
Tatsächlich bemerken wir, dass uns die entgegenkommenden Passanten giftig anstarren.
„Was denn?“ fragt Ali.
„Nicht Bürgermeister“, flüstere ich, „es sind Frauen und Männer, die zur Wahl stehen. Das ist total beleidigend, wenn du das andere Geschlecht nicht mit einbeziehst!“
„Ach so“, sagt Ali, „dann also Bürgermeister*innen.“
Wieder schüttelt ein Passant böse den Kopf. Ich bleibe stehen und halte Ali an der Schulter fest.
„Sag mal, willst du, dass wir Ärger bekommen?“ frage ich ihn.
„Wieder falsch?“ fragt Ali zurück.
„Nicht Bürgermeister*innen, sondern „Bürger*innenmeister*innen. Du musst da wirklich aufpassen, das geht nicht, dass du einfach alle Menschen über einen Kamm scherst!“
„Das wusste ich nicht. Also Bürger*innenmeister*innen“, wiederholt Ali lernbegierig.
In dem Moment hält ein Passant wütend auf uns zu und brüllt: „Sag mal, wollt ihr, dass ich euch die Fresse poliere?“
Wir weichen ihm aus und gehen schnell weiter.
„Da hast du es“, rufe ich Ali ärgerlich zu, „wegen deiner Sprachschlamperei wäre das jetzt beinahe schief gegangen!“
„Aber ich hab doch gesagt Bürger*innenmeister*innen!“ entgegnet Ali verständnislos.
„Ja“, sage ich, „aber wie du es gesagt hast. Du musst die Pause für das Gendersternchen lassen, es heißt Bürger-Pause-innen-meister-Pause-innen. Wenn du das nicht sauber artikulierst, wirkt das total intolerant, und du hast ja gesehen, wie die Leute darauf reagieren!“
Plötzlich ist es Ali, der stehenbleibt.
„Sag mal, kann es nicht viel eher sein, dass uns die Leute wegen deines T-Shirts anmachen?“
Ich schau an mir runter und lese in dicken Buchstaben AFD = NAZIS.
„Ach du Schande, du hast Recht“, sage ich, „da habe ich heute morgen überhaupt nicht drüber nachgedacht. Das ist mir jetzt total unangenehm!“
Ali nickt und reicht mir seine Jacke, die ich mir sofort überziehe. Dann verabschiede ich mich, um den Fehler schnellstmöglich zu korrigieren. Zu Hause angekommen nehme ich einen dicken Edding zur Hand und ergänze: AFD = NAZI*INNEN

 

Integration

Heute war ich bei einem muslimischen Flüchtling zu Besuch, um ihm einen Fernseher vorbeizubringen, den ich übrig habe. Der Mann heißt Ali und ist erst vor Kurzem aus Syrien geflohen. Er begrüßt mich freudig und wir machen es uns auf der deutlich in die Jahre gekommenen Wohnzimmergarnitur bequem.
Dann fragt er mich, ob ich einen Tee wolle und fügt stolz hinzu, dass er Anistee da habe, eine syrische Spezialität, die er die ganze Reise über mit sich herumgeschleppt hätte.
Ich rümpfe die Nase und erwähne, dass ich eigentlich nur ostfriesischen Schwarztee trinken würde.
Er entschuldigt sich, dass er den leider nicht da hätte.
Dann nur Wasser, sage ich.
Er reicht mir ein Glas und gießt sich höflichkeitshalber ebenfalls Wasser ein. Dann studieren wir gemeinsam die Fernsehzeitschrift, die ich ihm gerade noch am Kiosk gekauft habe.
Er tippt auf die linke Spalte und fragt: Was ist denn das?
Two and a half men, sage ich, so eine Sitcom. In der Folge holt sich Charlie zwei Prostituierte ins Haus, während seine Mutter ihre lesbischen Gefühle entdeckt und Sex mit der Mutter der Freundin ihres anderen Sohnes Alan hat.
Ali nickt, dann tippt er etwas weiter unten und fragt: Und das?
Ah, sage ich, Das Supertalent, eine Show für die ganze Familie. Das war letztens ganz lustig, da hat sich eine Frau auf ihren blanken Hintern ein Hundegesicht gemalt und ihn dann mit Würstchen gefüttert.
Ali tippt auf die rechte Spalte. Und das?
Der Bachelor. Da soll ein Mann unter zwanzig Frauen seine Frau fürs Leben finden. Dafür knutscht er mit jeder mal herum und hat mit ein paar von ihnen Sex.
Ach so, sagt Ali, und das hier?
Bachelor in Paradise, so ähnlich wie Bachelor, nur, dass jeder mit jedem rummacht.
Und das hier?
Prince Charming, das gibts aber nur als Stream, so eine Art Bachelor mit Schwulen.
Und das hier?
Queen of drags, das geht ab Donnerstag auf Sendung, Heidi Klum castet darin Männer, die sich in sexy Frauenkleidern lasziv auf der Bühne räkeln.
Und das hier?
Naked Attraction. Da findet man seinen neuen Partner, indem man sich zuerst dessen Geschlechtsteile anschaut, und wenn man sich entschieden hat, bekommt man auch das Gesicht zu sehen.
Ali ist auf einmal ganz blass geworden.
Du, ich denke, ich brauche gar keinen Fernseher, sagt er.
Aber er würde dir helfen, dein Deutsch zu verbessern, gebe ich zu Bedenken.
Ja schon, aber ich habe hier auch so wenig Platz.
Du, ich habe ihn extra mitgeschleppt, das finde ich jetzt irgendwie unhöflich.
Ali schluckt laut. Wenn du willst, sagt er, kann ich ihn für dich zurücktragen, das macht mir nichts.
Ne, ist nicht nötig, sage ich offenkundig beleidigt. Dann schnappe ich mir den Fernseher und verlasse die Wohnung, indem ich die Wohnungstür etwas lauter als sonst ins Schloss fallen lasse.
Wenn die Integration gelingen soll, denke ich noch, wäre es schon gut, wenn die sich wenigstens so ein bisschen für die deutsche Kultur interessieren würden.

Die Tote am Strand

Tag 2 meines Urlaubs auf Malta. Als ich morgens den Frühstücksraum betrete, ist die Stimmung seltsam. Urlauber, die sich gar nicht kennen, unterhalten sich aufgeregt über die Tische hinweg. Kellner stehen herum und starren auf ihr Handy. Eine Frau nippt still an ihrem Kaffee, während ihr Tränen die Wange herunterlaufen. Da alle Tische belegt sind, setze ich mich zu einem älteren Pärchen, das mich freundlich anlächelt.
„Wissen sie, was hier los ist?“ frage ich, während mir einer der Kellner Kaffee einschenkt.
„Eine Tragödie“, antwortet der Mann, „Patricia Jolie ist scheinbar heute Nacht hier vor Malta ertrunken!“
„Die Schauspielerin?“ frage ich erstaunt zurück.
Beide nicken betroffen.
„Ich kann das gar nicht glauben“, sagt die Frau, „so schön, so talentiert und dann sowas!“
Um zu überprüfen, ob das auch wirklich wahr ist, hole ich mein Handy heraus und google ihren Namen. Tatsächlich überschlagen sich die Nachrichtenportale mit Eilmeldungen. Die Bild titelt: Die Welt trauert! Ich lese mir den Artikel durch und erfahre, dass sie ihren Geburtstag auf einer Yacht vor der Küste Maltas gefeiert habe und aus noch ungeklärten Gründen über Bord gegangen sei. Die Küstenwache habe die ganze Nacht nach ihr gesucht, aber bisher ohne Erfolg.
Ich lege das Handy wieder zur Seite und schaue hoch zu dem Ehepaar. Die Frau hat nun auch Tränen in den Augen.
„Sie müssen wissen“, sagt sie, „dass ich jeden ihrer Filme gesehen habe. Ich verstehe nicht, dass gerade ihr so etwas zustoßen konnte!“
„Ja, das ist wirklich traurig“, pflichte ich ihr leise bei.
Dann stehen die beiden abrupt auf. Sie hätten kaum Hunger und würden jetzt Spazierengehen, um den Kopf freizukriegen.
„Dann wünsche ich Ihnen trotz allem einen schönen Tag!“ verabschiede ich mich höflich und hole mir anschließend vom Buffet ein Brötchen, das ich mit einer dicken Schicht Nutella bestreiche. Da ich allerdings gleich beim ersten Bissen merke, dass auch mir dir gedrückte Stimmung auf den Magen schlägt, trinke ich nur noch einen Schluck Kaffee und begebe mich direkt zum Parkplatz, um, wie geplant, mit dem Mietwagen die Insel zu erkunden.
Als ich gerade losfahren will, stellt sich mir ein Mann hastig winkend in den Weg. Er wäre Journalist und hätte gerade einen Tipp bekommen, dem er unbedingt nachgehen müsse. Aber sein Scheißauto würde nicht starten, ob ich ihn fahren könne?
Nach kurzem Zögern willige ich ein. Auf dem Weg erklärt er mir, dass man scheinbar die Leiche der Schauspielerin Patricia Jolie gefunden hätte und er jetzt dringend zum Fundort müsse.
„Aber ist das nicht Angelegenheit der Polizei?“ frage ich ihn skeptisch.
Der Mann lächelt hämisch. Er wäre sich gar nicht sicher, ob die Polizei bereits im Bilde sei und außerdem hätte sie auch keine so hochauflösende Spiegelreflexkamera.
‚Ein Paparazzo‘, denke ich und spiele mit dem Gedanken, den Mann aus dem Auto zu schmeißen, aber überrumpelt vom Lauf der Dinge fahre ich weiter. Er lotst mich tief in den Süden zu einem abgelegenen Kiesstrand. Die Autos, die dort bereits parken, lassen uns ahnen, dass sich der Tipp bereits herumgesprochen hat.
„Mach schnell, park irgendwo!“ ruft der Paparazzo ungeduldig.
Wir steigen hastig aus dem Wagen und spurten zum Strand, wo wir uns einer Menschentraube aus weiteren Paparazzi und ein paar schaulustigen Touristen anschließen.
Wir alle folgen einem Herrn in Badehose, der die Tote scheinbar heute Morgen beim Spazierengehen gefunden hat. Bereits nach wenigen Metern sehe ich ein großes Badetuch aufgewölbt im Kies liegen. Während wir näherkommen, brechen alle Gespräche abrupt ab. Schweigend bilden wir einen Kreis um das Badetuch herum. Der Herr mit der Badehose beugt sich hinunter und greift nach dem Tuch. Als er daran zieht, geht ein Raunen durch die Runde. Im Kies liegt nicht die Leiche von Patricia Jolie, sondern die Leiche einer schwarzen Frau, die uns mit ihren angstschreienden Augen anstarrt.
Ich schaue mich um und sehe wie die Paparazzi missmutig die Kamera vom Gesicht nehmen.
„So ein Mist!“ ruft einer.
„Der ganze Weg umsonst!“ ein anderer.
Nachdem sie der Reihe nach ihrem Ärger Luft gemacht haben, hält plötzlich jemand sein Handy hoch.
„Patricia Jolie lebt!“ schreit er. „Hier steht es, die ist gar nicht über Bord gegangen, sondern die hat sich lediglich unter Deck zurückgezogen und ist dort eingeschlafen. Ihr Freund hat sie heute Morgen entdeckt!“
„Sie lebt? Aber das ist ja wunderbar!“ ruft einer der Touristen und fängt begeistert an zu klatschen.
„Dann auf zum Hafen, vielleicht wissen die dort mehr!“ schlägt jemand vor und kaum, dass er es ausgesprochen hat, hetzen alle Paparazzi wie Jagdhunde, die erneut Fährte aufgenommen haben, zu den Autos, und hinter ihnen her, laut plappernd, die Tou,risten.
Als sie alle weg sind, kehrt Stille ein. Die Wellen treiben leise und gleichmäßig an den Strand und umspülen mit ihrer Gischt die Beine der Ertrunkenen. Ich beuge mich zu ihr hinunter und versuche ihre Augenlider zu schließen. Mein Blick fällt auf das goldene Medaillon an ihrer Halskette. Ich öffne es und zum Vorschein kommt das Bild eines kleinen Babys, das vergnügt glucksend in die Kamera lächelt.