Avengers Endgame: Der Ork

Noch vor Sonnenaufgang war ich heute morgen bereits auf dem Flohmarkt am Schloss. Im Dämmerlicht schlendere ich durch die Reihen und durchsuche die Tische nach Raritäten, die man dort nur morgens findet, wenn die meisten Besucher noch im Bett liegen und die Aussteller mit einem Kaffee in der Hand ihre Ware platzieren. Am Ende der dritten Reihe fällt mein Blick auf einen Tisch, der mit allerlei Requisiten und Kostümen aus bekannten Hollywoodfilmen beladen ist. Ich halte an und will nach einem goldenen Fingerring greifen, doch bevor ich ihn überhaupt berühre, höre ich jemanden zischen: „Mein Schatz!“
Etwas irritiert schaue ich hoch zu dem Händler, der mit seinem langen grauen Bart und dem Schlapphut auf dem Kopf selbst aussieht als wäre er aus einem Film entflohen.
„Wie bitte?“ frage ich ihn.
„Das ist einer meiner ganz besonderen Schätze!“, sagt er, „aber du kannst ihn haben, für nur fünf Euro ist es deiner!“
„Fünf Euro für eine billige Kopie?“, empöre ich mich in typischer Flohmarktmanier.
„Das ist keine Kopie, der ich echt“, antwortet der Händler gelassen, „hier ist alles echt!“ Er legt eine kurze Atempause ein. Dann schaut er mir tief in die Augen und fügt leise hinzu, als ob es sonst niemand mitbekommen soll: „Aber du siehst eh so aus, als würdest du dich für etwas ganz Anderes interessieren!“
Er kramt in einer Kiste und zeigt mir eine sehr alte und schon leicht vergilbte Kinokarte mit handgemalten Zeichnungen darauf.
„Das, mein lieber Freund“, erklärt er mir in einem beinahe ehrfürchtigen Ton, „ist eine magische Eintrittskarte. Du erinnerst dich an den Film „Last Action Hero“ mit Arnold Schwarzenegger und dem kleinen Jungen, der mithilfe einer magischen Eintrittskarte in die Filmrealität seines Lieblingsfilms hineingelangt? Nun, das hier ist dieselbe Karte.“ „Und“, fügt er scharf hinzu, „sie funktioniert!“
„So ein Quatsch“, sage ich, „aber die Zeichnungen darauf sind wirklich schön, für nen Euro kaufe ich sie.
„Vier Euro“, entgegnet der Händler.
„Zwei“, sage ich.
„Drei“, sagt der Händler.
Wir einigen uns auf 2,50 Euro, dann schlendere ich weiter und mache mich wenig später mit der Eintrittskarte in der Hosentasche und einer antiken Tischleuchte im Rucksack auf den Weg nach Mac Donalds, um erst einmal ausgiebig zu frühstücken. Als ich anschließend am städtischen Kino vorbeikomme, werfe ich einen kurzen Blick auf das aktuelle Filmprogramm. In großen Buchstaben lese ich: „Jeden Samstag um Punkt 12: Das Siesta-Special. Heute mit Avengers Endgame!“ Ich schaue auf die Uhr, es ist fünf vor Zwölf. Da ich sonst nichts zu tun habe, kaufe ich kurzentschlossen ein Ticket sowie Popcorn und Cola. Im fast leeren Kinosaal fläze ich mich dann in die hinterste Reihe, um mich ein weiteres Mal von dem ewig währenden Kampf zwischen Gut und Böse verzaubern zu lassen. Als der Film schon fast zwei Stunden läuft und der Oberschurke Thanos gerade dabei ist, letzte Vorbereitungen für die Auslöschung allen Lebens im Universum zu treffen, wird mir auf einmal ganz warm am Hintern. Ich ziehe die Kinokarte aus der Gesäßtasche und stelle erstaunt fest, dass sie hell leuchtet. Als ich genauer hinsehe, scheinen sich die Figuren darauf zu bewegen und größer zu werden. Alles dreht sich auf einmal. Ich spüre einen starken Sog, der bissig an meinem Gesicht zieht und ehe ich mich versehe, werde ich von der Karte aufgesogen, hinein in einen dunklen Tunnel, in dem unzählige Filmszenen wie Sterne an mir vorüberziehen, bis am Ende des Tunnels alles wieder zum Stehen kommt und ich mich zu meiner großen Überraschung auf einem gigantischen Schlachtfeld wiederfinde. Noch bevor ich auch nur einen klaren Gedanken fassen kann, bäumt sich vor mir wie aus dem Nichts ein extrem hässlicher Ork mit faulen Zähnen auf, der im nächsten Moment von einem fliegenden Hammer getroffen wird und mit voller Wucht gegen einen Felsen knallt. Wie ich ihn dort liegen sehe, schwer getroffen und mit schmerzverzerrtem Gesicht, fasse ich mir ein Herz und stolpere halb auf Knien zu ihm hinüber. Der Ork sieht völlig entstellt aus, fast noch schlimmer als vor der Hammerattacke. Mit blutunterlaufenen Augen schaut er mich ängstlich an und wimmert mit Blick auf die Colaflasche, die ich immer noch in der Hand halte: „Durst, ich habe schrecklichen Durst!“
Vorsichtig hebe ich seinen Kopf an, damit er trinken kann. Er nimmt einen Schluck, dann schaut er mich dankbar an und fragt: „Warum tust du das?“
„Keine Ahnung“, sage ich, „vermutlich, weil ich so erzogen wurde. Aber ehrlich gesagt hätte ich auch nicht gedacht, dass du das zu schätzen weißt, schließlich bist du ein Ork!“
Der Ork blinzelt. „Und ein Ork, was auch immer das sein soll, hat nicht den Anstand, dankbar zu sein, wenn ihm Hilfe widerfährt?“
„Wie du redest!“, sage ich verwundert. „Wenn ihm Hilfe widerfährt – ich hätte nicht gedacht, dass sich ein Ork so wortgewandt ausdrücken kann.“
„Du scheinst uns ja gut zu kennen“, sagt der Ork, „aber ich will dir was sagen, ich war sogar auf der Schule, Klassenbester, mit Aussicht auf ein Stipendium fürs Medizinstudium. Bis dann Thanos gekommen ist und uns alle versklavt hat.“
„Das ist furchtbar!“ antwortete ich ehrlich gerührt und füge etwas verwundert hinzu: „Aber wäre das überhaupt gegangen, mit diesen Pranken Arzt zu werden? Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie man damit ein Skalpell oder auch nur einen Stift halten kann.“
„Wir sahen nicht immer so aus“, antwortet der Ork keuchend, „Thanos hat uns gezwungen, Tabletten zu schlucken, Hormone. Die haben uns stark und aggressiv gemacht – und hässlich!“
Sein Blick senkt sich zu Boden und Tränen laufen über seine Wange.
„Die Tabletten sind mir vor ein paar Tagen aus der Tasche gefallen, seitdem fühle ich mich schwach und traurig und vermisse meine Eltern!“
Ich überlege, nachzufragen, was mit seinen Eltern passiert ist, aber da ich die Antwort bereits ahne, erspare ich ihm das.
„Na, das wird schon wieder!“, versuche ich ihn stattdessen zu beruhigen, „ich bin mir sicher, wenn die Schlacht erst einmal vorbei ist, wird alles gut werden!“
„Wird alles gut werden?“, wiederholt der Ork spöttisch, „Was soll denn gut werden? Wenn Thanos gewinnt, wird er mit dem Finger schnippen und ihr werdet alle zu Staub zerfallen. Und solltet ihr gewinnen, dann werdet ihr nicht davor zurückschrecken, und dasselbe anzutun!“
Mit Schrecken erinnere ich mich an den Handschuh mit den mächtigen Infinity-Steinen. Wer ihn anzieht, kann alle seine Feinde einfach nur dadurch vernichten, dass er mit dem Finger schnippt.
Um in Erfahrung zu bringen, wie es um die Schlacht bestellt ist, schaue ich vorsichtig über den Felsen. Es wird kaum noch gekämpft, dafür liegen unzählige Leichen von Orks und noch hässlicheren Wesen auf dem Schlachtfeld herum. Der Sieg der Avengers scheint zum Greifen nahe. Dann entdecke ich plötzlich Thanos und vor ihm, auf dem Boden kniend, Iron Man. Thanos steht das blanke Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Er starrt auf irgendetwas, das an Iron Mans metallener Hand funkelt. Es sind die Infinity-Steine. Ich höre mich selber laut schreien: „Nicht, das ist Genozid!“ aber mein Schreien verhallt ungehört in der Luft. Iron Man schnippt mit dem Finger und im nächsten Moment wankt Thanos zu Boden, während er langsam zu Staub zerfällt.
„Er hat es getan!“ rufe ich schockiert und beuge mich herab zum Ork. Auch von ihm löst sich bereits der Staub. Von seinen Beinen und dem Unterkörper ist schon nichts mehr zu sehen. Mit letzter Kraft hechelt er: „Dann hat scheinbar das Gute wieder gewonnen!“ Und noch während er redet, erfasst ein Windstoß seinen Kopf und trägt die Asche davon, als wäre er nie gewesen.
Dann wird mir auf einmal wieder ganz warm am Hintern und ehe ich mich versehe, sitze ich pünktlich zum Abspann wieder im Kinosessel. Auf der Leinwand sind ein letztes Mal die Avengers zu sehen, die großen Helden, die es wieder einmal geschafft haben, die Welt zu retten.

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