Erdnussflips

Lange Zeit bin ich ohne ausgekommen, aber gestern Abend war es wieder so weit. Nach einem langen und sehr anstrengenden Arbeitstag liege ich erschöpft auf der Couch und spüre eine unbändiges Verlangen nach einer Tüte Erdnussflips. Ich versuche mich noch abzulenken, an etwas anderes zu denken, Diabetes oder Bluthochdruck, aber es hilft nichts, 5 Minuten später sitze ich bereits auf meinem Fahrrad und radele Richtung Tankstelle. Als ich dann vor dem Regal mit den Snacks stehe, überkommen mich Zweifel:
Darf ich mir ein Produkt kaufen, das nachgewiesenermaßen zu gesundheitlichen Problemen führt und vielleicht sogar zur Folge hat, dass ich auf kurz oder lang nicht mehr die Leistung abrufen kann, die meine gesellschaftliche Position von mir fordert? Und dann auch noch ausgerechnet aus Maismehl hergestellt wird, für das Millionen von Hektar kostbarer Waldfläche gerodet werden. Und dazu tierische Fette enthält, wobei jeder weiß, unter was für katastrophalen Umständen Tiere in der modernen Massentierhaltung gehalten werden. Und Erdnüsse, die aus fernen Ländern importiert werden, auf Schiffen, die Wasser und Luft verpesten. Und mit Plastik verpackt ist, das die Umwelt vergiftet und dazu noch klimaschädlich bedruckt ist. Und nur 88 Cent kostet, wovon nur ein Bruchteil bei den Erntehelfern vor Ort ankommt. Und darf ich überhaupt irgendetwas kaufen, worauf eine 88 abgedruckt ist? Und könnte ich meine Zeit nicht sinnvoller verbringen, als faul auf der Couch eine Tüte Erdnussflips in mich hineinzuschaufeln?
Obwohl mir so viele Fragen durch den Kopf gehen, die auf ein sofortiges Ende dieser Leichtsinnstat pochen, siegt am Ende das Verlangen. Ich schüttle kurz mit dem Kopf, um alle Gedanken zu vertreiben, dann setze ich mir Mütze und Sonnenbrille auf, die ich zur Wahrung meiner Anonymität eigentlich immer dabei habe und greife hastig nach der Tüte. Auf der Rückseite lese ich: Kontrollierte Markenqualität und beste Zutaten! Zwar habe ich keine Ahnung, was das bedeutet, aber es beruhigt mich irgendwie.
Als ich gerade bezahlen will, stellt sich hinter mir ein etwas ranzig aussehender Typ mit einer Porno-Zeitschrift in der Hand an. Als er seinerseits entdeckt, was ich in meinen leicht zitternden Händen halte, wirft er mir einen verächtlichen Blick zu.
„Nur die hier“, flüstere ich der Kassiererin zu, während ich mit gesenktem Kopf die Erdnussflipstüte auf den Tresen lege. Ihren Ekel überspielt sie mit einem routinierten Lächeln.
„Wir hätten auch noch die Jumbotüte im Angebot!“ sagt sie so laut, dass alle Umstehenden es hören können.
Ich blicke nervös über die Schulter und hauche: „Nein, nur die!“
Dann lasse ich die Packung im Rucksack verschwinden und eile zum Ausgang.
An der Tür ruft jemand: „Ach, das ist ja ein Zufall, was machst du denn hier?“
Ich schaue vom Boden auf in das freudig lächelnde Gesicht eines Bekannten und höre mich selbst stottern: „Ach, d-du, nichts, schön d-dich zu sehen, d-du, ich muss weiter!“
Ohne stehen zu bleiben, drängele ich man ihn vorbei, hinaus in die erlösende Dunkelheit.
Zu Hause angekommen, atme ich erst einmal tief durch. Dann lasse ich die Rollos herunter und mache es mir mit der Tüte auf der Couch bequem. Lustvoll stecke ich mir einen Flips nach dem anderen in den Mund, bis die Tüte leer ist. Mit der Leere kommt das schlechte Gewissen. ‚Ich muss das echt in den Griff bekommen!‘, denke ich und nehme mir fest vor, mir nie wieder Erdnussflips zu kaufen. Aber diesmal wirklich!

4 Gedanken zu „Erdnussflips“

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