Integration II

Gestern war ich wieder mit meinem syrischen Kumpel in der Stadt unterwegs. Auf der Höhe des Rathauses drückt uns jemand einen Flyer in die Hand.
Ich schau kurz drauf und sage zu Ali: „Werbung für die anstehenden Wahlen. Weißt du, wer gewählt wird?“
„Klar“, sagt Ali, „der Bürgermeister!“
Ich zucke zusammen.
„Alter, nicht so laut, die Leute gucken schon!“
Tatsächlich bemerken wir, dass uns die entgegenkommenden Passanten giftig anstarren.
„Was denn?“ fragt Ali.
„Nicht Bürgermeister“, flüstere ich, „es sind Frauen und Männer, die zur Wahl stehen. Das ist total beleidigend, wenn du das andere Geschlecht nicht mit einbeziehst!“
„Ach so“, sagt Ali, „dann also Bürgermeister*innen.“
Wieder schüttelt ein Passant böse den Kopf. Ich bleibe stehen und halte Ali an der Schulter fest.
„Sag mal, willst du, dass wir Ärger bekommen?“ frage ich ihn.
„Wieder falsch?“ fragt Ali zurück.
„Nicht Bürgermeister*innen, sondern „Bürger*innenmeister*innen. Du musst da wirklich aufpassen, das geht nicht, dass du einfach alle Menschen über einen Kamm scherst!“
„Das wusste ich nicht. Also Bürger*innenmeister*innen“, wiederholt Ali lernbegierig.
In dem Moment hält ein Passant wütend auf uns zu und brüllt: „Sag mal, wollt ihr, dass ich euch die Fresse poliere?“
Wir weichen ihm aus und gehen schnell weiter.
„Da hast du es“, rufe ich Ali ärgerlich zu, „wegen deiner Sprachschlamperei wäre das jetzt beinahe schief gegangen!“
„Aber ich hab doch gesagt Bürger*innenmeister*innen!“ entgegnet Ali verständnislos.
„Ja“, sage ich, „aber wie du es gesagt hast. Du musst die Pause für das Gendersternchen lassen, es heißt Bürger-Pause-innen-meister-Pause-innen. Wenn du das nicht sauber artikulierst, wirkt das total intolerant, und du hast ja gesehen, wie die Leute darauf reagieren!“
Plötzlich ist es Ali, der stehenbleibt.
„Sag mal, kann es nicht viel eher sein, dass uns die Leute wegen deines T-Shirts anmachen?“
Ich schau an mir runter und lese in dicken Buchstaben AFD = NAZIS.
„Ach du Schande, du hast Recht“, sage ich, „da habe ich heute morgen überhaupt nicht drüber nachgedacht. Das ist mir jetzt total unangenehm!“
Ali nickt und reicht mir seine Jacke, die ich mir sofort überziehe. Dann verabschiede ich mich, um den Fehler schnellstmöglich zu korrigieren. Zu Hause angekommen nehme ich einen dicken Edding zur Hand und ergänze: AFD = NAZI*INNEN

 

2 Gedanken zu „Integration II“

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