Integration

Heute war ich bei einem muslimischen Flüchtling zu Besuch, um ihm einen Fernseher vorbeizubringen, den ich übrig habe. Der Mann heißt Ali und ist erst vor Kurzem aus Syrien geflohen. Er begrüßt mich freudig und wir machen es uns auf der deutlich in die Jahre gekommenen Wohnzimmergarnitur bequem.
Dann fragt er mich, ob ich einen Tee wolle und fügt stolz hinzu, dass er Anistee da habe, eine syrische Spezialität, die er die ganze Reise über mit sich herumgeschleppt hätte.
Ich rümpfe die Nase und erwähne, dass ich eigentlich nur ostfriesischen Schwarztee trinken würde.
Er entschuldigt sich, dass er den leider nicht da hätte.
Dann nur Wasser, sage ich.
Er reicht mir ein Glas und gießt sich höflichkeitshalber ebenfalls Wasser ein. Dann studieren wir gemeinsam die Fernsehzeitschrift, die ich ihm gerade noch am Kiosk gekauft habe.
Er tippt auf die linke Spalte und fragt: Was ist denn das?
Two and a half men, sage ich, so eine Sitcom. In der Folge holt sich Charlie zwei Prostituierte ins Haus, während seine Mutter ihre lesbischen Gefühle entdeckt und Sex mit der Mutter der Freundin ihres anderen Sohnes Alan hat.
Ali nickt, dann tippt er etwas weiter unten und fragt: Und das?
Ah, sage ich, Das Supertalent, eine Show für die ganze Familie. Das war letztens ganz lustig, da hat sich eine Frau auf ihren blanken Hintern ein Hundegesicht gemalt und ihn dann mit Würstchen gefüttert.
Ali tippt auf die rechte Spalte. Und das?
Der Bachelor. Da soll ein Mann unter zwanzig Frauen seine Frau fürs Leben finden. Dafür knutscht er mit jeder mal herum und hat mit ein paar von ihnen Sex.
Ach so, sagt Ali, und das hier?
Bachelor in Paradise, so ähnlich wie Bachelor, nur, dass jeder mit jedem rummacht.
Und das hier?
Prince Charming, das gibts aber nur als Stream, so eine Art Bachelor mit Schwulen.
Und das hier?
Queen of drags, das geht ab Donnerstag auf Sendung, Heidi Klum castet darin Männer, die sich in sexy Frauenkleidern lasziv auf der Bühne räkeln.
Und das hier?
Naked Attraction. Da findet man seinen neuen Partner, indem man sich zuerst dessen Geschlechtsteile anschaut, und wenn man sich entschieden hat, bekommt man auch das Gesicht zu sehen.
Ali ist auf einmal ganz blass geworden.
Du, ich denke, ich brauche gar keinen Fernseher, sagt er.
Aber er würde dir helfen, dein Deutsch zu verbessern, gebe ich zu Bedenken.
Ja schon, aber ich habe hier auch so wenig Platz.
Du, ich habe ihn extra mitgeschleppt, das finde ich jetzt irgendwie unhöflich.
Ali schluckt laut. Wenn du willst, sagt er, kann ich ihn für dich zurücktragen, das macht mir nichts.
Ne, ist nicht nötig, sage ich offenkundig beleidigt. Dann schnappe ich mir den Fernseher und verlasse die Wohnung, indem ich die Wohnungstür etwas lauter als sonst ins Schloss fallen lasse.
Wenn die Integration gelingen soll, denke ich noch, wäre es schon gut, wenn die sich wenigstens so ein bisschen für die deutsche Kultur interessieren würden.

2 Gedanken zu „Integration“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s