Unter Strom

Mein Fernseher ist heute morgen kaputt gegangen. Das kam so, dass ich auf Arte einen Bericht über die globale Umweltverschmutzung gesehen habe. Dabei kam mir der Gedanke, dass doch eigentlich Strom die Wurzel allen Übels ist. Dann ist mir eingefallen, dass ich doch immer noch diese Zeitmaschine besitze, die ich damals genutzt hatte, um zum Grab Jesu zu reisen (manche werden sich erinnern). Ich gehe also hinunter in den Keller und stelle sie auf das Jahr 624 vor Christus, um Thales von Milet davon abzuhalten, mit einem Tuch an einem Bernstein zu reiben, um herauszufinden, dass dadurch Elektrizität entsteht. Dort angekommen stehe ich vor seiner Tür und weiß nicht so recht, was ich tun soll. Als ich gerade klopfen will, wird sie von innen aufgerissen und eine sehr schöne Frau stürmt heraus.
„Was ist denn los?“, frage ich sie im holprigen Altgriechisch.
„Dieser Trottel hat nur Augen für seine Bücher!“, schimpft sie, während sie die obersten beiden Löcher ihrer Bluse zuknöpft.
Mir fällt ein, dass Thales von Milet vermutlich unverheiratet war, da er, so wie die meisten Philosophen, niemanden um sich haben wollte, der seine Kreise stört. Das aber könnte die Lösung sein, denke ich, eine Frau, die ihn von Höherem ablenkt, damit er bloß nicht an diesem blöden Bernstein reibt.
„Totaler Trottel!“, entgegne ich. „Komm mit, wir sagen dem jetzt mal die Meinung!“
Das freudige Nicken der Frau verrät mir, dass es ihr nicht häufig passiert, von einem Mann verstanden zu werden. Sie öffnet die Tür und begleitet mich in die Stube. Am hinteren Fenster steht ein Schreibtisch. Davor sitzt Thales von Milet, so sehr in seine Studien vertieft, dass er nichts von unserer Anwesenheit mitbekommt.
„Hallo!“, ruft die Frau energisch, „hier will dir jemand etwas sagen!“
Der Philosoph blickt auf.
„Ähm, guten Tag!“ sage ich.
Er starrt mich schweigend an.
Ich räuspere mich und setzte noch einmal an: „Hallo, ich bin Alexander!“
„Geh mir aus der Sonne!“ giftet er zurück.
„Nicht der Alexander“, sage ich, „aber jetzt mal zur Sache, die Frau hier, ich meine, schau sie dir an, wie kannst du so einen Engel von dir stoßen?“
„Hab zu tun!“, antwortet er und wendet sich wieder seinen Büchern zu.
Ich blicke zur Frau hinüber, die schon wieder dabei ist, ein Knöpfchen von ihrer Bluse zu lösen.
„Kannste vergessen“, sage ich, „mit Lust und Leidenschaft kommen wir hier nicht weiter. Was wir benötigen, sind Verstand und Logik.“
Bei dem Wort „Logik“ huscht ein Lächeln über das Gesicht des Philosophen. Ich trete an ihn heran und nehme ihm das Buch weg.
„Nun hör mal zu“, sage ich, „du bist einer der größten Köpfe deiner Zeit, du kannst doch nicht wollen, dass deine Genialität mit dir ausstirbt. Du musst dich fortpflanzen, Mann!“
An seinen geweiteten Augen erkenne ich, dass er mich verstanden hat. Eine Weile verharrt er nachdenklich an seinem Platz, dann hebt sich sein Blick zur Frau, die lasziv an ihren Haaren herumspielt.
„Dann soll es so sein“, sagt er knapp.
Ich zünde eine Kerze an und schleiche mich auf Zehenspitzen hinaus.
Wieder zu Hause angekommen, bemerke ich, dass Heizung, Fernseher und alle Lampen fehlen.
Dann hat es tatsächlich geklappt, denke ich. Indem ich seine niederen Instinkte geweckt habe, hat Thales von Milet niemals an dem Bernstein gerieben und sein Wissen darüber auch nicht der Nachwelt veerbt. Und glücklicherweise ist ohne diese entscheidende Entdeckung dann auch später niemand mehr auf die Idee gekommen, dass so etwas wie Elektrizität existieren könnte.
Wie zum Beweis fährt vor dem Fenster ein Kettcar vorbei, das von einem wild strampelnden Familienvater angetrieben wird, während die Kinder auf der Rückbank herumalbern.
Aber irgendwie ist es doch ziemlich frisch hier drinnen, so ganz ohne Heizung, denke ich und gestehe mir ein, dass die Idee, die Menschheit vor der Elektrizität zu bewahren, wohl doch nicht so gut war. Um alles wieder rückgängig zu machen, steige ich noch einmal in die Zeitmaschine und drücke die Reset-Taste, die der Erfinder zum Glück eingebaut hat. Dann horche ich gespannt, ob draußen wieder die Autos rasen, aber zu meiner Enttäuschung höre ich immer noch die angestrengt fluchenden Familienväter. Ich überlege, was schief gelaufen sein könnte und erkenne nach einer Weile den Fehler. Indem ich die Reset-Taste drücke, gelange ich wieder an den Punkt von heute morgen, an dem ich in die Zeitmaschine steige, um die Zukunft zu verändern, wodurch ich wieder an den Punkt gelange, die Reset-Taste zu drücken. Die einzige Chance wäre somit, die Reset-Taste zu drücken und gleichzeitig nach heute morgen zurückzureisen, um mit dem Besen auf den Fernseher einzuschlagen, damit ich nicht auf Arte schalten kann und auf die Idee komme, in der Zeit zurückzureisen, um zu verhindern, dass die Menschheit die Elektrizität entdeckt, kombiniere ich mit der mir verbliebenen Schärfe meines jetlaggeplagten Verstandes. Seitdem geht die Heizung zwar wieder, aber der Fernseher ist kaputt.

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