Tagesthemen

Gestern Abend sehe ich die Tagesthemen. Im ersten Beitrag wird von einem Mann in Bangladesch berichtet, der an Krebs leidet, weil er jahrelang für einen Kleiderhersteller Wäsche mit der bloßen Hand eingefärbt hat. Da er nicht versichert ist und das Textilunternehmen sich weigert, die Behandlungskosten zu übernehmen, da sich nicht mit Sicherheit nachweisen ließe, dass die eingesetzten Chemikalien den Krebs ausgelöst hätten, wird ihm vermutlich nichts anderes übrig bleiben als in seiner kleinen Ein-Zimmer-Wohnung, in der er mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern lebt, auf den Tod zu warten.

Es folgt ein Porträt über Jakob, der seit 20 Jahren obdachlos ist und von seinem Leben auf der Straße berichtet. Nachts sei das besonders gefährlich, sagt er. Den Schlafsack würde er nie ganz zumachen, um bei Gefahr schnell auf die Beine zu kommen. Aber das Schlimmste, sagt er, das Schlimmste seien die Blicke der Leute. Blicke, die ihn flüchtig treffen und sich schnell wieder abwenden als sei er Luft oder Müll, den jemand vergessen hätte, abzuholen.

Im dritten Beitrag ist ein Künstler namens Christo jr. zu sehen, der vorhat, die Jesus-Statue in Rio komplett zu verhüllen, um damit auf eine Gesellschaft mit abnehmender Betriebstemperatur aufmerksam zu machen, in der Empathie und Anteilnahme scheinbar nur noch als Emoticons auf WhatsApp vorhanden sind. Es gebe zu viele Iche und zu wenig Du`s, sagt er, als hätte er gerade Buber gelesen.

Als Ingo Zamperoni wieder zu sehen ist und ich gerade umschalten will, da auf RTL der Spätfilm anfängt, passiert etwas Unerwartetes. Der Sprecher öffnet seine Lippen, ist aber nicht zu hören und auf einmal vernehme ich eine andere Stimme, die mir durch Mark und Bein geht: Alexander, du bist Schuld! Ich denke, ich hätte mich verhört und stelle den Ton lauter, aber so als sei nichts gewesen, ist in dem Moment Ingo Zamperoni schon wieder dabei, den nächsten Beitrag anzumoderieren.
Weil mir auf einmal ganz komisch ist, rufe ich meine Psychologin an.

Ich sage: Hallo, ich bin`s.
Sie sagt: Sie schon wieder?
Ich sage: Ich glaube, ich bin verrückt geworden.
Sie sagt: Schon wieder?
Ich sage: Diesmal wirklich, ich höre Stimmen, die aber gar nicht da sind.
Sie sagt: Dann sind Sie scheinbar tatsächlich verrückt geworden.
Ich sage: Und nu?
Sie sagt: Sprechstunde wieder Dienstag ab 8:00Uhr.
Dann legt sie auf.

Da ich mich nicht viel besser fühle, rufe ich einen Freund an.
Ich sage: Der Fernseher redet zu mir.
Er sagt: Das ist ja verrückt.
Ich sage: Er kennt meinen Namen!
Er sagt: Krass, wie bei The Game.
Ich frage: Was?
Er sagt: The Game. Der Film mit Michael Douglas. Da spricht der Fernseher auch mit ihm und auf einmal findet er sich in einem Spiel wieder, in dem alles extra für ihn inszeniert ist.
Ich frage: Und warum?
Er sagt: Weiß ich auch nicht mehr so genau, irgendwie wegen seinem Geburtstag, oder so.
Ich sage: OK.
Er sagt: Dann bis morgen.
Dann legt er auf.

Um der Sache nachzugehen, rufe ich meinen Pastor an.
Ich sage: Hallo.
Er sagt: Du schon wieder?
Ich frage: Könnte es sein, dass das ganze Leben nur ein Spiel ist?
Er fragt zurück: Was sagt dir der Ausdruck Zimzum?
Ich sage: Nicht viel, klingt irgendwie nach einer dicken Stubenfliege.
Er sagt, dann wäre meine Aufgabe, das herauszufinden. Dann hätte ich was zu tun. Er nämlich auch. Er müsse noch vier Hochzeiten und einen Todesfall vorbereiten.
Dann legt er auf.

Im Lexikon schlage ich Zimzum nach und lese, dass der Begriff aus der Kabbala stammt und so viel bedeutet wie „Gottes Anwesenheit in seiner Abwesenheit“. Der Artikel handelt davon, wie Gott zu uns redet. Würde ein weiser alter Mann seine gebündelte Lebensweisheit an ein Kind weitergeben wollen, steht da, dann genügt es nicht, das Kind einfach darüber zu belehren, so wie man ihm Mathe beibringt. Denn wie sollte ein Kind etwas von dem verstehen, wofür man selbst viele Täler durchschritten und viele Gipfel erklommen hat und was dann unter Tränen der Freude und Trauer irgendwann zur inneren Reife gekommen ist? Stattdessen würde dem Alten nichts weiter übrigbleiben als sich selbst aus der Gleichung herauszunehmen und das, was er dem Kind zu sagen hat, mithilfe von Geschichten zu erzählen, die dem Kind vertraut sind. Denkt das Kind nun über diese Geschichten nach und erkennt es darin die Weisheit des Alten, dann ist dieser anwesend, obwohl er abwesend ist.

Ich blicke auf und plötzlich wird mir klar, was mir der Pastor sagen wollte. Das ganze Leben ist ein tiefes und reiches Gleichnis, durch das Gott selbst zu uns spricht. Oder vielleicht auch tatsächlich eine Art Spiel, vielleicht ein Kartenspiel und wer es ernst nimmt, der erkennt auf dem eigenen Blatt die Handschrift des Spielmachers. Und dann ist halt die Frage, was für ein Blatt ich benötige und welche meiner Karten mein Gegenüber benötigt, damit das Spiel Sinn macht.

Ich bin also Schuld, denke ich mir, und obwohl das niemand gerne hört, freue ich mich darüber, denn wer schuldig gesprochen wird, der besitzt immerhin die Würde der Verantwortung.

Während ich noch „Das ganze Leben ist ein Quiz“ vor mich hinsumme, neigen sich die Tagesthemen dem Ende. Ganz zum Schluss kommt noch einmal Ingo Zamperoni zu Wort. Er sei gerade darauf hingewiesen worden, dass zwischenzeitig die Regie zu hören gewesen wäre und bitte diese Panne zu entschuldigen.

Ein Gedanke zu “Tagesthemen”

  1. Ah, cool, dass du die Story für die FB-Fastenden auch hier ‚reingestellt hast!
    Tja, was soll ich sagen…. Irgendwie wieder voll typisch und gleichzeitig unerwartet!

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s