Auferstehung

Als ich gestern in der Stadt war, ist etwas Merkwürdiges passiert. Ein Mann schleicht von hinten an mich heran. Er klopft mir auf die Schulter und fragt, ob ich Lust auf ein Abenteuer hätte? Da ich von Natur aus ein abenteuerlustiger Mensch bin, bejahe ich dies. Er führt mich zwei Straßen weiter in einen Hinterhof, dort eine schmale Treppe hinunter, hinein in ein Kellerverlies, bis wir endlich vor einer gusseisernen Tür stehen. Als er sie aufschließt, staune ich nicht schlecht. Der Raum ist vollgestopft mit allerlei technischem Gerät, es blinkt und blitzt überall. In der Raummitte steht eine Art Raumsonde. Der Mann klärt mich auf, dass dies eine Zeitmaschine sei. Er benötige Freiwillige, die sie testen. Ich wäre nicht der Erste. Sie würde auch einwandfrei funktionieren. Ob ich Lust hätte und wo es denn hingehen soll? Ich muss natürlich nicht lange überlegen, denn so eine Gelegenheit bietet sich wahrscheinlich nie wieder. Auch das Ziel habe ich vor Augen. Gerade erst hatte ich im Internet von einem Historiker gelesen, dem es gelungen war, die Todesnacht Christi auf den Tag genau zu berechnen. Dort wolle ich hin, sage ich dem Mann, um mit eigenen Augen zu sehen, wie der Auferstandene aus dem Grab steigt. Ich gebe ihm mein Handy, damit er anhand der Internetseite die richtigen Parameter für Raum und Zeit einstellen kann. Nachdem er das getan hat, öffnet er die Sonde und bittet mich, einzusteigen. Der Sitz ist eng und nicht sehr bequem. Der Mann sagt, dass sei nicht so schlimm, die Überfahrt würde nicht lange dauern. Er schließt die Sonde und durch die Plastikhaube sehe ich zu, wie das Zimmer schwindet und sich vor mir erst Dunkelheit und dann Bäume und Sträucher auftun. Nach wenigen Augenblicken meldet sich eine Computerstimme. „Sie haben Ihre Destination erreicht!“ Die Haube öffnet sich und kalte Waldluft strömt hinein. Ich erhebe mich und setze einen ersten Schritt in die Nacht. Das Mondlicht, das durch die Baumkronen leuchtet, zeichnet den Umriss eines dünn besiedelten Waldes. Langsam taste ich mich vorwärts, um die Umgebung zu erkunden. Nach ein paar Schritten bleibe ich stehen, da ich Stimmen vernehme. Ich folge ihnen und erblicke die Silhouette zweier Soldaten, die eine Art Höhle bewachen, deren Eingang ein schwerer Stein verschließt. Um nicht entdeckt zu werden, verstecke ich mich hinter einem dicht gewachsenen Busch. Es scheint tatsächlich geklappt zu haben, schießt es mir durch den Kopf, während ich versuche, möglichst leise eine bequeme Sitzposition einzunehmen. In Kürze würde ich Zeuge dessen, was ich immer schon geglaubt hatte. Aus der Dunkelheit heraus würde es hell aufblitzen. Engel würden erscheinen. Die Soldaten vor Schreck fliehen. Der Stein würde weggerollt und der auferstandene Christus in strahlend weißer Gestalt aus der Höhle heraustreten, eben noch tot und jetzt lebendiger als je zuvor. Mein Herz schlägt mir plötzlich bis zum Hals. Nervös riskiere ich durch das Blattwerk hindurch einen Blick, um zu sehen, ob sich schon etwas tut. Aber die Soldaten stehen immer noch da und unterhalten sich. Ihr armen Narren, denke ich. Das, was ihr bewacht, ist stärker als der Tod, euer Schwert wird euch nichts nützen, euer Kaiser euch nicht retten können, denn die Mächte dieser Welt sind besiegt! Ich spüre, dass der große Moment kurz bevorsteht. Fast bin ich geneigt, die letzten Sekunden herunter zu zählen. Zehn, neun, acht und bei eins gleißendes Licht, aus dem neues Leben hervorbricht. Gespannt starre ich in Richtung Höhle. Minuten vergehen, aber nichts tut sich. Nach einer gefühlten Stunde ziehe ich den Kopf zurück. Mein Oberschenkel schmerzt, sodass ich nochmals die Sitzposition wechsele. Während ich warte, kommen mir andere Gedanken in den Sinn: Was ist, wenn das Grab verschlossen bleibt? Wenn keine Engel erscheinen? Wenn es Morgen wird und die Welt immer noch die Selbe ist? Ich frage mich, ob ich das überhaupt wissen will oder ob es nicht viel besser wäre, wieder in meine Zeitmaschine zu steigen und weiter in Hoffnung und Glauben, statt in Gewissheit zu leben. Und selbst wenn Jesus aus dem Grab steigen würde, ja, selbst wenn er mich berührt, woher weiß ich, dass ich, wenn ich zurück bin, all dies nicht nur geträumt hätte? Mit diesen Gedanken überkommt mich schlagartig die Angst, von den Soldaten erwischt zu werden. Vermutlich würden sie mich auf der Stelle töten oder wenigstens verhaften, sodass ich den Rest des Lebens in einer römischen Zelle zubringen müsste, fernab jeder Hoffnung auf Rettung. Da ich nicht weiß, wie spät es ist, beschließe ich, augenblicklich zur Zeitmaschine zurückzukehren, um noch vor der Morgendämmerung die Heimreise anzutreten. Ganz langsam robbe ich über den Waldboden, mit jeder Bewegung darauf bedacht, bloß keine Geräusche zu machen. Erst als ich wieder in der Sonde sitze und sich über mir die Haube schließt, atme ich auf. Mit immer noch zitternden Händen drücke ich die Return-Taste. Der Wald verschwimmt vor meinen Augen und nur wenig später befinde ich mich zurück im Kellerverlies des Fremden. Wie die Reise gewesen wäre, fragt er mich neugierig. „Eindrücklich“, sage ich. Da ich den Drang nach Tageslicht verspüre, verabschiede ich mich relativ zügig. Draußen blinzele ich in die Sonne, die immer noch am Himmel steht. Von Weitem höre ich Glockenläuten, es erinnert mich an ein altes Kirchenlied: Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern, so sei nun Lob gesungen, dem hellen Morgenstern! Menschen wuseln eilig um mich herum. An der Ecke sitzt ein Bettler. Was ist Traum und was ist Wirklichkeit? Was ihr den Geringsten unter euch getan habt, das habt ihr mir getan! Ich mache mich auf den Weg und tauche neu ein in die Realität des Lebens.

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