Das Flüstern der H&M Verkäuferin

Da es draußen langsam kälter wird und ich einen neuen warmen Pullover benötige, war ich bei H&M einkaufen. Während ich die Tische nach einem ansprechenden Exemplar durchwühle, habe ich das Gefühl, dass mir die, ich muss es so sagen, ungemein attraktive Verkäuferin, immer mal wieder einen verstohlenen Blick zuwirft. Am hintersten Tisch mit den Kapuzenpullis steht sie auf einmal direkt vor mir.
„Der Schwarze würde dir unglaublich gut stehen!“ sagt sie lächelnd.
„Der ist ganz hübsch“, entgegne ich, „aber gibt es den auch in meiner Größe? Das ist nämlich immer die Schwierigkeit, einen Pullover zu finden, der gut aussieht und dazu noch passt.“
„Verstehe“, sagt sie „schlanke Figur, dazu ein breites Kreuz, starke Arme.“ Dann schaut sie mich forsch an und ergänzt: „Und dazu so ein süßes Gesicht!“
„Äh“, sage ich, während ich verlegen den schwarzen Kapuzenpulli zur Hand nehme und ihn vor mich halte, „könnte passen.“
Zärtlich streichelt sie mit der Hand darüber. „Tolle Qualität“, sagt sie, „das ist L, probier` ihn doch mal an!“
Ich sage, das sei eine gute Idee und dass sie ja kurz warten könne, um zu schauen, ob er mir auch wirklich steht. Sie nickt und folgt mir in Richtung Umkleidekabine.
„Oder ich helfe dir einfach beim Umziehen“, sagt sie mit einer Bestimmtheit, der ich nichts entgegenzusetzen habe.
In der Kabine stehen wir so dicht beieinander, dass ich ihren Atem spüren kann. Sie hilft mir aus dem alten Pulli und in den Neuen hinein.
„Sieht super aus!“ sage ich mit Blick in den Spiegel.
„Fühlt sich super an!“ entgegnet sie schon fast hauchend.
Als ich dann die Arme ausstrecke, um die Ärmellänge zu prüfen, passiert etwas Seltsames. Ich sehe wie das Schwarz vom Pullover in die Hand verläuft. Ich schau an mir herunter und stelle fest, dass auch die Hose bereits schwarz ist, ebenso wie der Boden und die Kabinenwände.
„Was passiert hier?“ schreie ich die Verkäuferin an.
Als ich zu ihr aufblicke, sehe ich nur noch Schwarz.
„Bleib ganz ruhig!“ ermahnt sie mich mit sanfter Stimme. „Das passiert, damit du nicht abgelenkt bist. Du musst dich jetzt konzentrieren, hörst du? Versuch, dich zu entspannen und dann hör genau hin, was ich dir zu sagen habe!“
Obwohl ich die Verkäuferin nicht sehe, spüre ich ihre Hand. Ich atme mehrmals ein und aus und merke, wie ich tatsächlich etwas ruhiger werde.
Die Verkäuferin fährt fort: „Ich bin hier, um dir die Augen zu öffnen. Alles, was du siehst, existiert nicht. Die Welt gibt es nicht. Mich gibt es nicht. Du hast noch nicht einmal einen Körper. All das ist Einbildung, nur Produkt eines expandierenden Bewusstseins. Deines Bewusstseins!“
Ich weiß nicht, was ich darauf sagen soll. Am liebsten möchte ich weglaufen, aber da ich nichts sehe, bleibt mir nichts anderes übrig, als mich auf ihre wirren Gedanken einzulassen.
„Was redest du denn da?“ frage ich ins Dunkel hinein. „Ich spüre doch, dass ich einen Körper habe. Ich spüre dich, deine Hand, die Kabine, das bilde ich mir doch nicht ein!“
„Doch, das tust du, aber du merkst es nicht, weil du nichts anderes kennst als die Realität, die sich in deinem Bewusstsein abspielt, weil es auch gar nichts anderes gibt.“
„Aber was ist mit meiner Erinnerung? Den Menschen um mich herum? Gerade erst haben wir Weihnachten gefeiert.“
„Deine Erinnerung ist Teil deines Bewusstseins. Jeden Morgen, wenn du aufwachst, bist du eine andere Person. Dir fällt das nicht auf, weil du mit einer komplett neuen Erinnerung aufwachst. Du denkst also nur, du hättest Weihnachten gefeiert oder wärst zur Schule gegangen, hättest studiert und einen Beruf ergriffen, aber eigentlich ist das nie passiert. Es sind Illusionen, die du benötigst, um dich in deinem Sein zurechtzufinden. Und wer weiß, vielleicht wachst du morgen als Cowboy auf und erlegst Rinder.“
„Aber was ist mit der Geschichte, was ist mit Hitler, Stalin, Nero, wer hat sich die ausgedacht?“
„Es ist dein Bewusstsein, das aus dem Erlebten immer wieder neue Erinnerungssequenzen zusammenbastelt. So gesehen warst du das.“
„Aber sowas würde ich mir niemals ausdenken!“
„Du weißt nicht, wozu du in der Lage bist!“
„Und du? Wer bist du?“
„Wie gesagt, mich gibt es ebenfalls nicht. Ich bin nur Teil deines Bewusstseins, der dir helfen soll, die Dinge etwas zu ordnen, damit du klarer siehst. Aber eigentlich hast du schon die ganze Zeit eine ganz andere Frage im Sinn.“
„Also gut, wozu das alles?“
„Das ist nicht leicht zu beantworten, aber es scheint so, dass dein Bewusstsein nach Sinn sucht. Nach dem Sinn des Lebens, sozusagen.“
„Und?“
„Sag du es mir!“
„Nach all dem, was ich weiß, wollen die Menschen in Frieden leben, ein gutes Leben führen und sich hin und wieder mal was gönnen. Ich würde daher sagen, der Sinn des Lebens besteht darin, glücklich zu sein.“
Noch während ich rede, wird es langsam wieder hell. Aus dem Dunkeln heraus tauchen die Kabinenwände auf. Ich schau auf meine Hände und sehe wie das Schwarz in den Pullover zurückkriecht. Nach einer Weile sehe ich alles wieder so hell und klar wie zuvor.
„Steht dir richtig gut!“ sagt die Verkäuferin.
Ich beeile mich, den Pullover auszuziehen und mir meinen alten überzustreifen.
„Dann muss ich den wohl kaufen“, sage ich, mehr als Ausrede, um endlich an die frische Luft zu kommen. Nachdem ich ihn bezahlt habe, eile ich die Rolltreppe hinunter und stürze hinaus ins Tageslicht. ‚Was war denn das?‘ rauscht es mir durch den Kopf. Noch immer benebelt, beeile ich mich, nach Hause zu kommen, um mich erst einmal hinzulegen. Als ich aufwache, habe ich das Gefühl, einen ganz schlimmen Traum gehabt zu haben. Auf dem Boden liegt die Tasche mit dem Pullover. In Gedanken sehe ich mich, wie ich ihn erst anprobiere und dann kaufe. Nach und nach verdrängt die Erinnerung die Einbildung. Oder war es doch kein Traum? Der Sinn des Lebens besteht darin glücklich zu sein, wiederhole ich meine Worte. Aber wann ist man glücklich? Sofort muss ich an die Verkäuferin denken und mir wird trotz aller Flüchtigkeit dieser Begegnung klar, dass man Glück nicht einfach haben kann, sondern dass Glück etwas ist, worin ich im gegenseitigen Aufeinanderbezogensein aufgehoben bin. Wenn sich das Leben aber erst im Gegenüber erfüllt, spinne ich den Gedanken weiter, dann wäre es doch reichlich ambivalent, wenn das, was das Leben eigentlich ausmacht, gar nicht existiert, weil es nur der Fantasie eines sich selbst vollziehenden Bewusstseins entspringt.
‚Somit habe ich scheinbar wirklich nur schlecht geträumt‘, denke ich erleichtert und muss mir gleichzeitig eingestehen, bei der Verkäuferin einen wohl doch nicht ganz so feurigen Eindruck hinterlassen zu haben. Noch einmal probiere ich den Pullover an, begutachte sicherheitshalber meine Hände und nehme mir fest vor, in Zukunft weniger Fichte zu lesen.

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