Eine Sexgeschichte

Die Theologie sitzt traurig in der Kneipe und betrinkt sich. Sie hat ihre erste Liebe verloren. Der Kellner reicht ihr einen Cocktail. Von dem Herrn dort drüben, sagt er. Dort drüben sitzt der Naturalismus. Er zwinkert ihr zu, die Theologie kichert. Das Kichern versteht er als Aufforderung, sich zu ihr zu setzen. Die beiden finden schnell ins Gespräch, sie reden über Gott und die Welt. Die Theologie über Gott, der Naturalismus über die Welt. Er meint, die Welt ließe sich aus sich selbst heraus erklären, ein Gott sei hierfür nicht nötig. Die Theologie ist ganz hingerissen von seiner Weltgewandtheit. Sie nimmt ihn mit nach Hause und sie schlafen miteinander. Er würde sie sehr mögen, sagt er anschließend, aber er sei nicht so der Beziehungstyp, was sie denn von einer offenen Beziehung halten würde? Das könnte ihr vielleicht sogar gefallen, antwortet die Theologie, noch ganz von ihren Gefühlen berauscht. Dies träfe sich gut, sagt der Naturalismus, denn soeben hätte sich per WhatsApp Besuch angekündigt. Kaum hat er es ausgesprochen, klopft es auch schon an der Tür. Die Theologie macht auf, vor ihr steht der Positivismus. Sie bittet ihn ins Wohnzimmer, wo sie es sich auf der Couch gemütlich machen. Woher er denn den Naturalismus kennen würde, fragt ihn die Theologie. Er wäre sein Mentor, sagt der Positivismus. Auch er hätte damals nach Gott gefragt, aber dann hätte der Naturalismus ihm die Augen geöffnet. Ob es einen Gott geben würde oder nicht, sei völlig egal, denn selbst wenn, könne man ihn nicht beweisen. Und daher müsse man Gott außen vorlassen und sich lieber mit den Dingen beschäftigen, die man sehen und anfassen kann. Die Theologie nickt eifrig, sein Scharfsinn macht sie ganz wuschelig. Der Positivismus nutzt die Gunst der Stunde und fällt an Ort und Stelle über sie her. Als sie am nächsten Morgen zu dritt am Frühstückstisch sitzen, klopft es abermals an der Tür. Am Klopfen erkennt die Theologie, dass es die erste Liebe ist. Der Naturalismus geht öffnen. Niemand da, sagt er und setzt sich achselzuckend wieder hin. Es klopft ein zweites Mal. Aber ich höre es doch, sagt die Theologie, es ist die erste Liebe! Der Positivismus ergreift ihre Hand. Kannst du die Liebe denn beweisen? Denn wenn du sie nicht beweisen kannst, dann gibt es sie auch nicht. Es klopft ein drittes Mal. Die Theologie will aufmachen, aber sie hat Angst, dass niemand vor der Tür steht. Angst vor der Enttäuschung. Angst davor, dass ihre erste Liebe nichts weiter als ein Hirngespinst ist. So bleibt mir wenigstens die Hoffnung, denkt sie sich und bleibt sitzen. In dem Moment kräht der Hahn.

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