Das Weihnachtswunder

Drei Philosophen folgen dem Stern der Weisen. Er führt sie auf den Weg nach Betlehem, wo ein Kind geboren sein soll, dessen Weisheit die Weisheit der Weisesten der Weisen in vielfacher Weise übertreffen wird. Auf halben Weg fangen die Philosophen an zu streiten. Es geht um Leben und Tod.

„Natürlich ist der Mensch sterblich“, sagt der Erste, „und wie soll es auch anders sein, wenn seine Ursache eine Stoffursache ist. Zerfällt der Stoff, aus dem er gemacht ist, dann ist auch der Mensch hinüber.“

„Aber wichtiger als die Stoffursache ist die Formursache“, sagt der Zweite, „denk nur mal an einen Wasserfall. Obwohl ständig anderes Wasser hinunterrauscht, behält er doch immer dieselbe Form.“

„Da hast du natürlich Recht“, sagt der Erste. Dann wird er auf einmal ganz traurig. Er erwähnt noch, dass er so dumm sei, darauf nicht selbst gekommen zu sein und es auch gar nicht verdient hätte, dem Stern der Weisen zu folgen. Dann verabschiedet er sich urplötzlich und macht sich auf den Rückweg.

Um sein Verhalten zu verstehen, muss man wissen, dass es nach der Typenmodell AKI (Antifragiler Kriterien Index) drei unterschiedliche Persönlichkeitstypen gibt.

Erstens der fragile Typ, der, kaum, dass ihm eine neue Erkenntnis ereilt, alles in Frage stellt, was er jemals gemeint hat zu wissen.

Zweitens der stabile Typ, der von sich denkt, er wüsste sowieso schon alles und daher neue Erkenntnisse, die nicht in seine Denkstruktur passen, von vornherein als falsch ablehnt.

Und drittens der antifragile Typ, der bereit ist, seine Denkstrukturen immer wieder neu zu modifizieren, um adaptionsfähig für neue Erkenntnisse zu bleiben.

Nachdem die anderen beiden Philosophen dem Ersten, der unbestreitbar dem fragilen Typus angehört, noch eine Weile hinterhergesehen haben, setzen sie ihre Reise fort, zunächst noch schweigend, aber es dauert nicht lange, bis der Dritte den Faden wieder aufnimmt.

„Das stimmt nicht“, sagt er, „nicht die Formursache ist entscheidend, sondern die Zielursache. Alle Lebewesen verfolgen ein Ziel. Es gibt sogar Fische, die schwimmen einen Wasserfall hinauf, um an der Quelle ihre Eier abzulegen und dann, wenn sie ihr Ziel erreicht haben, zu sterben. Angenommen aber, es gebe gar keinen Tod, der das Leben begrenzt, dann wäre das Leben wertlos, da man alles, was wichtig ist, auf den Sankt Nimmerleinstag verschieben würde.“

Da der zweite Philosoph dem stabilen Typus angehört, reagiert er auf das Gesagte höchst ärgerlich. Er beschimpft den Anderen als Schwätzer und verabschiedet sich ebenfalls, mit der Begründung, er könne solche Dummheiten nicht einen einzigen Meter weiter ertragen.

Der übrig gebliebene Philosoph setzt die Wegstrecke alleine fort. In Betlehem angekommen findet er das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Er beugt sich darüber und im Anblick des Säuglings wird ihm klar, dass auch er sich irrt.

„Es ist nicht die Zielursache“, sagt er so laut und bestimmt in den Stall hinein, dass die Hirten neben ihm zusammenzucken. „Dieses Kind lebt und atmet aus Gott heraus. Nicht die Zielursache, sondern die Wirkursache gibt seinem Leben Sinn. Nicht Verknappung, sondern das wilde und aufschäumende Leben, das aus Gott kommt, macht jeden Moment seines Lebens wertvoll.“
„Und weil du dies erkannt hast, dass das Leben aus Gott heraus dynamisch ist, bist du von nun an nicht mehr stabil, sondern antifragil“, sagt einer der Hirten, der sich etwas mit Psychologie auskennt.

„Das ist ein Weihnachtswunder!“ rufen die anderen Hirten im Chor.

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