Versicherungsschaden

Ich war heute im Fitnessstudio. Obwohl ich mindestens eine Stunde auf dem Crosstrainer zubringen wolle, verlässt mich bereits nach 20 Minuten alle Lust. Noch während ich absteige überkommt mich neben dem schlechten Gewissen ein dumpfes Gefühl, gerade einen großen Fehler zu begehen. Denn alle Trainingsdaten, muss man wissen, werden elektronisch erfasst. Und da Möglichkeiten immer auch Begehrlichkeiten wecken, liegt es nahe, dass die Daten direkt bei der zuständigen Krankenkasse landen.

Um daher mein Versagen auf dem Laufband zu kompensieren, lege ich mir beim Bankdrücken gleich einmal das doppelte Gewicht auf die Hantel. Die anschließende Muskelzerrung ist dann jedoch so stark, dass ich gezwungen bin, das Training vorzeitig abzubrechen. Mir ist als hätte ich den Brief der Krankenkasse bereits in der Hand: „Aufgrund Ihrer mangelnden Trainingseinstellung sehen wir uns leider gezwungen, Ihnen alle Versicherungsleistungen ersatzlos zu streichen. Bitte gehen Sie von jetzt an nicht mehr vor die Tür, das Leben ist gefährlich!“

In meinem verzweifelten Bemühen, das Unausweichliche doch noch abzuwenden, fällt mir plötzlich ein, dass die Versicherung doch gleich um die Ecke ist. Statt mich also zu duschen und umzuziehen, begebe ich mich direkt auf den Weg dorthin, um unter dem Vorwand, mich nach einer Zusatzversicherung erkundigen zu wollen, meinen schier unstillbaren Bewegungsdrang unter Beweis zu stellen. Dabei versäume ich es natürlich nicht, mir auf der Gästetoilette zuvor noch ein paar „Schweißperlen“ ins Gesicht zu tupfen.

Mein Sachbearbeiter ist glücklicherweise so freundlich, mich zu vorgerückter Stunde noch zu empfangen. Ich wäre gerade zufällig in der Nähe gewesen, erzähle ich ihm, und da wäre mir eingefallen, dass ich noch gar keine Zusatzversicherung, also sagen wir eine Zahnzusatzversicherung, abgeschlossen hätte. Weil mich der Sachbearbeiter daraufhin so komisch anblickt, füge ich gleich hinzu, dass ich eigentlich super Zähne hätte, diese viermal am Tag putzen würde und damit sogar Steine zermalmen könne, aber wie das so wäre, hätte ich lieber eine Versicherung zu viel als zu wenig. Der Sachbearbeiter nickt zustimmend und schreibt irgendetwas auf einen Zettel. Dann klingelt auf einmal das Telefon, woraufhin er mit den Worten den Raum verlässt, noch kurz etwas mit dem Kollegen klären zu müssen. Als er raus ist, kann ich es natürlich nicht lassen, den Zettel zu lesen. Darauf steht: „Trägt bei zehn Grad kurze Hose und T-Shirt. Dabei kalten Schweiß auf der Stirn. Später in Akte notieren!“ Der Mann, dessen Schritte jetzt auch schon wieder im Gang zu hören sind, hat mich also komplett missverstanden. Um ihm doch noch deutlich zu machen, dass ich mich gerade auf meiner täglichen Joggingrunde befinde, beginne ich, während er wieder seinen Platz einnimmt, mich ausgiebig zu dehnen. Mit nach oben verschränkten Armen und den Oberkörper zur Seite gestreckt, betone ich dabei, wie gut es mir tun würde, mich nach einem langen Arbeitstag abends noch einmal so richtig auszupowern. Obwohl ich natürlich auch während der Arbeit versuchen würde, mich so viel wie möglich zu bewegen, denn Sitzen wäre ja total ungesund für den Körper.

Um nochmals zu unterstreichen, wie wichtig mir die tägliche Fitness ist, jogge ich am Ende unseres Gesprächs leichtfüßig aus dem Büro, um, wohlwissend, dass er mich vom Fenster aus beobachtet, draußen gleich einmal einen Sprint hinzulegen. Dabei übersehe ich allerdings ein heranfahrendes Auto, auf das ich frontal aufknalle. „Nix passiert!“ rufe ich noch dem Sachbearbeiter am Fenster zu. Das Nächste, woran ich mich dann wieder erinnere, ist das gleichmütige Gesicht der Dame in der Notaufnahme, die mich nach meinem Versicherungsstatus fragt. „Hoffentlich überhaupt noch gültig!“ antworte ich wahrheitsgemäß. „Privat oder gesetzlich?“, fragt sie zurück. „Gesetzlich“, entgegne ich. Sie nickt und bittet mich, im Warteraum Platz zu nehmen. Ich setze mich und vertreibe mir anschließend die Zeit damit, mit einem Taschentuch mein Blut vom Boden zu wischen. Fünf Taschentücher später lässt sich dann doch noch eine Krankenschwester blicken. Sie hält Nadel und Faden in der Hand. Der Doktor wäre zwar noch beschäftigt, sagt sie, aber ich solle doch schon mal damit anfangen, mir die Platzwunde selbst zuzunähen.

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