Beim Psychologen

Ich war gerade beim Psychologen. Manche sagen, das wurde aber auch Zeit. Dabei darf man nicht vergessen, dass sich erst einmal genug Leidensdruck aufbauen muss, um sich überhaupt einzugestehen, dass man hilfebedürftig ist. Und so sitze ich also vor einer Dame mittleren Alters mit zackiger Kurzhaarfrisur und einer schwarz umrandeten leicht zu großen Brille, hinter deren Gläsern mich zwei wache Augen zu durchdringen versuchen.
Sie fragt, ob ich denn privatversichert sei.
Ich verneine dies.
In dem Fall hätte ich 5 Minuten, was mir denn fehlen würde?
„Scheinbar eine Privatversicherung“, sage ich.
Sie findet das nicht lustig und wiederholt ihre Frage.
Ich hole Luft und gebe an, dass mir das Reden schwerfallen würde.
„Nur Mut“, ermuntert sie mich, „einfach raus damit, was ist das Problem?“
Ich sage, das hätte ich ja gerade gesagt, mir fiele das Reden schwer, ich hätte Wortfindungsschwierigkeiten und Sorge, dass etwas im Kopf nicht stimmen würde.
Sie nickt etwas ratlos und verlangt ein Beispiel.
„Zum Beispiel überlege ich seit Tage, was das Gegenteil von gut ist, aber mir will das Wort partout nicht einfallen.“
„Das ist leicht“, fällt sie mir fast schon ins Wort, „böse, das Wort, das Sie suchen, ist böse.“
„Aber nein, Mann und Frau oder hell und dunkel, das sind Gegensatzpaare, aber gut und böse, das ist kein Paar, das sind keine zwei Seiten derselben Medaille, die beiden ergänzen sich nicht, die hassen sich!“
Wann denn das letzte Mal gewesen wäre, dass ich Hass empfunden hätte, fragt sie mich.
Ich überlege. „Vielleicht beim Schuhkauf, nicht einmal vier Wochen später hatte ich ein Loch in der Sohle. Hass auf den Schuhverkäufer und Hass auf mich selber, weil ich so dumm war, mir einen Volllederschuh für 40€ zu kaufen. Wobei Hass natürlich ein starkes Wort ist. Aber ärgerlich war ich schon. Nach 4 Wochen ein Loch im Schuh, das ist böse. Und das ist ja auch der Punkt. Das Böse selbst existiert gar nicht, das Böse ist wie ein Loch im Schuh, lediglich das Fehlen von einem Stück Schuh, das meinen Fuß kaputt macht.“
Die Psychologin setzt ihre Brille ab und auf, rückt sie etwas in Richtung Nasenspitze und dann wieder zurück. Ihr Blick wirkt plötzlich trübe.
„Ich bin nicht sicher, worauf Sie hinaus wollen, vielleicht fangen wir mit Ihrer Kindheit an“, schlägt sie vor.
„In meiner Kindheit war alles noch sehr einfach, da gab es Gut und Böse, alles scharf voneinander getrennt, Cowboys und Indianer, Bush und Hussein, je älter man aber wird, desto facettenreicher wird das Leben; und auf einmal ist alles kompliziert.“
„Und wie fühlt sich das für Sie an? Bitte beschreiben Sie einmal, was Sie gerade fühlen!“
„Keine Ahnung, irgendwie unbefriedigend, weil alles immer auch nur irgendwie ist, dieser Trump ist irgendwie dumm und irgendwie schlau, die deutsche Flüchtlingspolitik ist irgendwie richtig und irgendwie falsch, Tiere essen ist irgendwie unmoralisch und irgendwie lecker, das ist alles sehr anstrengend, wie ich schon sagte, mir fehlen die Worte.“
Die Psychologin schüttelt den Kopf. „Ich befürchte, Sie benötigen tatsächlich Hilfe, oder Urlaub, jedenfalls bin ich mir ziemlich sicher, dass ich Ihnen nicht weiterhelfen kann.“
„Ich benötige Hilfe, sagen Sie, das könnte eine Spur sein. Denn wenn ich Hilfe benötige, bin ich auf etwas angewiesen, ich bin sozusagen bedürftig, weil mir ein bestimmter Bedarf oder, wie man ja auch sagt, ein bestimmtes Gut fehlt. Wenn das Gute jetzt aber deswegen gut ist, weil es ein Gut besitzt, dieses aber nicht für sich behält, sondern, weil das Gute gütig ist, mit dem Bedürftigen teilt, dann wären die beiden Pole, statt Gut und Böse, Gut und Bedürftig. Ich denke, damit bin ich fürs Erste geheilt. Sie haben das toll gemacht, danke!“
Als ich anschließend ganz frei und beschwingt die Treppen der Praxis heruntergetanzt komme, fällt mir auf einmal ein, dass ich völlig vergessen hatte, die ganzen anderen Probleme zu erwähnen. Das Gefühl, von etwas, das nicht ich bin, ergriffen zu werden. Gedanken zu denken, die nicht von mir stammen. Der Glaube an Geister und Wunder. Reden in den leeren Raum hinein. Fast schon wäre ich wieder umgekehrt, hätte mir eine innere Stimme nicht zugeflüstert, dass ich lediglich Christ bin und deswegen nicht gleich verrückt. Beziehungsweise irgendwie ja doch verrückt, was, wenn die Welt ihrerseits auch verrückt ist, ja glücklicherweise nur bedeutet, dass eigentlich ich derjenige bin, der normal ist. Wenn ich aber normal bin, ist die Psychologin dann nicht verrückt? Müsste Sie dann nicht eigentlich Therapiestunden bei mir nehmen? Und was kostet eigentlich so eine Therapiestunde? Ich kann nur hoffen, sie ist privatversichert.

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