Im Stadion

Ich war letztens mal wieder im Stadion. Westfalenstadion. Dortmund gegen Schalke. Sitzplatz in der Nordkurve, gegenüber der gelben Wand. Rings um mich herum grölende Fans im Dortmund-Trikot. Ich selber, etwas dezenter, mit einer BVB-Anstecknadel am Hemdkragen. Nur mein Sitznachbar schlägt mit seiner königsblauen Perücke und dem Schalke-Trikot etwas aus der Art. Ich versuche, ihn zu ignorieren. „Oh BVB, du bist unsere Droge, wir brauchen dich, es geht nicht ohne!“ singen wir alle gemeinsam im Chor, mit Ausnahme meines Sitznachbarn, der schweigend auf sein Handy starrt. Dann geht das Spiel los. Die ersten Minuten passiert gar nichts. Bis Reus auf einmal vorne den Ball verdribbelt. Sané reagiert blitzschnell und leitet mit einem Traumpass auf Harit den Konter ein. Flanke vors Tor, Burgstaller steht genau richtig und muss nur noch den Fuß hinhalten. 1:0 für Schalke. Im Fanblock Totenstille, allein meinen Sitznachbarn hält es nicht mehr auf seinem Platz. Mit geballten Fäusten springt er auf, um in einen Jubel auszubrechen, der mich unweigerlich an das vorlaute Reviergehabe eines brünftigen Hirschen denken lässt. Als er sich wieder hinsetzt, stoße ich ihn an und frage, ob er sich nicht zufällig im Block geirrt hätte.
„Ganz und gar nicht“, sagt er.
„Aber als Schalke-Fan tust du dir hier kein Gefallen, das kann böse enden!“ warne ich ihn.
„Als Schalke-Fan?“ fragt er fast schon entrüstet, „so ein Quatsch ich bin Dortmund-Fan!“
„Was?“
„Sogar Ehrenmitglied, hier schau mal!“
Er zeigt mir seinen Mitgliederausweis, Passfoto mit schwarz-gelben-Hut, ausgestellt am 30.06.1974.
„Aber das Schalke-Trikot?“ frage ich ihn irritiert.
„Du hast noch nie was von dem Prinzip der Antifragilität gehört, oder?“ fragt er zurück.
Ich verneine.
„Denk doch nur mal daran, warum Bayern so stark ist. Weil Dortmund denen über Jahre hinweg Druck gemacht hat. Was uns nicht umbringt, macht uns stärker!“
„Ich verstehe nicht“, entgegegne ich wahrheitsgemäß.
„Also gut, Chrashkurs. Ich bin übrigens Manfred!“
„Freut mich“, sage ich zögerlich, „ich bin Alexander.
„Alexander, jetzt stell dir mal vor, du bist Postbote und dir fällt ein Paket auf den Boden und aus Versehen trittst du auch noch drauf. Ist der Inhalt stabil, sagen wir ein Stück Eisen, dann passiert damit gar nichts. Ist er fragil, vielleicht eine Vase, dann ist sie mit Sicherheit kaputt. Wäre er aber antifragil, dann kannst du darauf nach Belieben herumstampfen, aber statt kaputtzugehen, würde er immer besser werden. So wie die Bayern eben dadurch besser geworden sind, dass Dortmund ihnen über Jahre hinweg auf der Nase herumgetanzt hat.“
„Und deswegen bist du für Dortmund, indem du gegen Dortmund bist, um sie dadurch zu provozieren, damit sie besser spielen?“
Manred nickt. „Genau so ist das. Weswegen ich übrigens auch die AFD gewählt habe, um die Regierung zu einer besseren Politik zu reizen!“
Ich stutze.
„Aber kannst du das wirklich verantworten, ich meine, das sind und bleiben Rechtspopulisten!“
„Rechtspopulisten?“, wiederholt Manfred süffisant, „du bist ja naiv, hinter der AFD stecken Linksautonome. Die Partei wurde nur für einen Zweck gegründet, um die Linken zu mobilisieren, damit es zu einer neuerlichen roten Revolte kommt!“
„Im Ernst? Aber wenn die AFD eigentlich von den Linksautonomen gesteuert wird, was ist dann mit den Rechtsnationalisten, schlafen die, oder was?
„Ach, die haben genug damit zu tun, die Mai-Krawalle zu organisieren.“
„Die Rechtsnationalisten stecken dahinter?“
„Aber das liegt doch jetzt wirklich auf der Hand! Wenn du einen Polizeistaat willst, dann musst du die Polizei herausfordern. Mehr Krawall bedeutet mehr Budget, bedeutet mehr Mittel und Befugnisse für die Polizei.“
„Dann stecken in den schwarzen Kapuzenpullis also gar keine Linksautonomen, sondern Nazis?“
„Nazis, Linksautonome, das ist bunt gemischt, die Menge denkt nicht antifragil, die denkt überhaupt nicht, die will nur Spaß haben.“
Manfred muss etwas lauter reden, weil die Fans trotz des dahin plätschernden Spiels zu neuen Gesängen anheben „Oh, scha-la-la-la BVB!“ schallt es durchs Stadion. Dann ist endlich Halbzeit. Angeregt durch das Gespräch hole ich mir vom Bratwurststand eine Currywurst. Zwar habe ich eigentlich gar keinen Hunger, aber als Veganer würde ich es nunmehr unanständig finden, keine Wurst zu essen. Denn mit jeder Wurst stärke ich den Protest der Tierschützer, bis irgendwann die Fleischindustrie dem Druck nicht mehr standhält und nur noch Bio-Tofu produziert.
„Auf die Tiere!“ rufe ich Manfred zu, während ich herzhaft in die Wurst beiße.
„Auf den BVB!“ entgegnet Manfred.

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